Symbolische Darstellung von Bewegung, Flow, Leistung und Selbstregulation im Sport aus psychologischer Perspektive.

SPORT

Warum Flow Zustände kein Zufall sind und sich aktiv regulieren lassen.

Überblick

Im Sport zeigt sich Ambivalenz besonders deutlich: zwischen Festhalten (Anspannung) und Loslassen (Entspannung), Risiko und Sicherheit, Ich und Team. Oftmals geht es „um die Wurst“ - kognitive Prozesse dürfen nicht blockiert oder einseitig sein, sonst wird das Erreichen eines Flow-Zustandes unmöglich. Ebenfalls geht es um das sogenannte Momentum. Wie ensteht dieses und warum steuert dieses den Verlauf von Spielen.

Du erfährst hier, wie und warum solche Zustände entstehen und wie Bewertungen, Druck und innere Muster darüber entscheiden, ob Potential zugänglich wird und ausgeschöpft werden kann oder verloren geht

…warum und wie Momentum entsteht – und warum es manchmal unerreichbar bleibt.

…wie Spannung, Mut und Selbstregulation sportliche Leistung prägen.

…wie Bewertungen und Druck innere Blockaden erzeugen.

Der entscheidende Moment im Sport ist nicht der, in dem wir alles kontrollieren, sondern der, in dem Körper, Aufmerksamkeit und Handlung mühelos zusammenfinden.

- ASBG

Grundlagen

Das Streben nach dem perfekten Moment

Der Flow ist ein Zustand, bei dem alle Sinne geschärft sind, alles im Inneren harmonisch zusammenwirkt und alle Herausforderungen von Innen und Außen mühelos bewältigt werden können. Es geht um den Moment des Augenblicks, das dann erlebte Gefühl und nicht um den Ruhm im Anschluss. Wenn alles passt und stimmig ist, ist dieser Flow das süchtig machende Gefühl, bei dem der Mensch ganz im Augenblick ist. Nichts stört, keine Vergangenheit, keine Zukunft. Das ist das allseits bekannte "im Hier und Jetzt".

Jeder Sportler kennt die Momente, wenn alles im Organismus mühelos kooperiert und er energieeffizient alle Herausforderungen bewältigen kann. Es ist ein gelingendes Wechselspiel ohne bewusste Anstrengung zwischen willkürlichen und unwillkürlichen Prozessen. Nach diesem Moment sehnen sich viele. Im Sport wird dieser Zustand besonders intensiv erlebt.

Manche werden daher süchtig nach diesem Gefühl, wollen es immer wieder erreichen, manchmal auch mit viel Energie oder Kraft, mit dem Risiko, sich dabei selbst zu blockieren. Die erlebten „Spiel-Szenen“ in diesen besonderen Zuständen brennen sich dermaßen ins Gehirn ein, dass einzelne „Ballwechsel“ oder „Gewinn-Momente“ noch Jahre später wie in Zeitlupe durchlebt werden können.

Jeder Sportler kennt aber auch Momente, in denen plötzlich trotz größter Anstrengung nichts gelingt. Nicht die einfachsten Dinge, die sonst wie im Schlaf funktionieren und gut trainiert wurden. Woran liegt das? Was passiert hier?

Erinnere dich an eine Situation, in der plötzlich alles von allein lief und du alle Herausforderungen ganz leicht bewältigt hast, ohne dass du es geplant und dich angestrengt hast.

• Was war in diesem Augenblick in dir anders als sonst?

• Was überwiegt bei dir: Die Angst vor dem Scheitern, Der Anspruch es immer perfekt machen zu wollen, die Lust etwas auszubprobieren, oder etwas ganz anderes?  

• Wer wärst du im Sport, wenn du weder dir noch anderen etwas beweisen müsstest?

• Wie versuchst du dieses besondere "Flowerleben" herzustellen oder vertraust du darauf, dass es sich irgendwie von allein einstellt? 

• Hast du schon herausgefunden, ob du selbst für das Flowerleben verantwortlich bist oder benötigst du dazu etwas von anderen oder von außen?

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Grundlagen

Zwischen Festhalten (Anspannung) und Loslassen (Entspannen)

Um diesen besonderen Flow (ob allein oder im Team) zu erleben, ist eine fein abgestimmte Regulation erforderlich. Der Einzelsportler wie etwa ein Golfer weiß und/oder spürt, wann der Schwung nahe an der Perfektion ist. Dann ist genau so viel Spannung wie nötig vorhanden, und der Schlag wird mit größtem Vertrauen und Mut mit sicherem Gefühl durchgeführt.

Im Tennis spürt ein Spieler diesen Zustand, wenn er jeden Ball intuitiv richtig antizipiert, sein Körper und seine Fußarbeit sich wie von selbst ausrichten und das Timing sich mühelos einstellt, ohne dass er bewusst über Technik oder Strategie nachdenken muss.

Im Schwimmen gleitet ein Athlet durch das Wasser, wenn Atem, Rhythmus, Kraft und Körpergefühl in perfekter Balance stehen. Der Widerstand des Wassers wird nicht bekämpft, sondern dieser wird genutzt - als würde man eins mit dem Element werden.

Im Klettern/Bouldern zeigt sich ein Flow, wenn Hände und Füße scheinbar instinktiv die richtigen Griffe und Tritte finden. Der Fokus ist klar, der Körper in Spannung und nicht verkrampft. Die Bewegung fließt.

Im Rückblick wirkt der Moment oft unwirklich. Als hätte sich für einen Augenblick eine größere Kraft entfaltet, die alles mühelos möglich machte. Die Zeit vergeht wie im Flug. Die ausgeführten Handlungen waren maximal präsent, der Körper präzise, der Geist klar. Was bleibt, ist das stille Erstaunen darüber, wozu man imstande war. Vielleicht kennst du solch einen Moment.

Grundmodell

Die Grundambivalenzen

Wie auch auf der Seite ICH bewegen wir uns im Bereich SPORT entlang zentraler Grundkonflikte, welche wir als Ambivalenzen bezeichnen. Auf dieser Seite arbeiten wir beispielhaft mit drei Spannungsfeldern, die durch deine eigenen, individuell stimmigen Spannungsfelder ergänzt oder ersetzt werden können und sollten:

RisikoorientierungSicherheitsorientierung
ErfolgsgetriebenErfolgsentspannt
ICH-FokusTeam-Fokus

Diese Pole gehören jeweils zusammen und versuchen menschliche Grundkonflikte abzubilden. Niemand kann verbindlich festlegen, wie diese Gegensätze wirksam und funktional zu leben sind. Es geht vielmehr darum, dass diese Gegensätze aufeinandertreffen und diese täglich, situativ und wechselwirkend ausgehandelt werden müssen. Wo dies gut gelingt werden Leistungsfähigkeit und Flow möglich. Wird eine Seite bewusst oder unbewusst ausgegrenzt, wird Energie blockiert.

Leistung entsteht also nicht durch die Entscheidung für eine Seite, sondern durch die situativ stimmige Bewegung zwischen den Polen. Problematisch wird es dort, wo eine Seite dauerhaft dominiert.

Ambivalenzmodell zu Leistung und sportlicher Entwicklung mit Kohärenzbereich und den Ambivalenzen Risikoorientierung und Sicherheitsorientierung, Erfolgsgetrieben und Erfolgsentspannt, sowie ICH-Fokus und Team-Fokus
Erklärung

Die Grafik ist ein Versuch, Ambivalenzen im sportlichen Erleben sichtbar zu machen. Sie hilft dir zu verstehen, warum Leistung sich in manchen Momenten leicht, fließend und stimmig anfühlt und in anderen angespannt, blockiert oder instabil. Während auf der Seite ICH der innere Dialog im Vordergrund steht und bei ICH & DIE ANDEREN die Beziehungsdynamik, zeigt diese Darstellung, wie sich innere Gegensätze im sportlichen Handeln, im Wettkampf und im Team entfalten.

Auch im Sport gilt: Wenn alle relevanten Pole grundsätzlich Gehör finden, bleibt Bewegung möglich. Leistung wird regulierbar. Einseitigkeiten, wie etwa zu viel Risiko oder zu viel Absicherung, zu viel Druck oder zu viel Lässigkeit, zu viel Ich-Fokus oder zu starkes auflösen im Team, können früh wahrgenommen werden, bevor sie sich in Blockaden, Fehlern oder Leistungsabfall niederschlagen.

Wenn du genauer hinschaust, erkennst du, dass sich die Bewegung zwischen den Polen unterschiedlich stark ausprägen kann. Je näher du dich an den Rand eines Pols bewegst, desto extremer wird diese Ausrichtung. Das System reagiert darauf mit Gegenbewegungen: Überkontrolle erzeugt Verkrampfung, zu hoher Erfolgsdruck von Außen führt zu innerem Rückzug, übermäßiger Teamfokus kann Entscheidungshemmung erzeugen, während ein starker Ich-Fokus Isolation begünstigt.

Schwierig wird es dort, wo diese Ausgleichsbewegungen blockiert werden. Wenn ein Athlet oder ein Team dauerhaft auf einem Pol verharrt und keine Korrektur mehr zulässt, verliert das Team/System seine Beweglichkeit. Spannung wird zu Druck, Fokus zu Verkrampfung, Teamgeist zu Anpassung oder Egoismus. Häufig zeigen sich dann wiederkehrende Fehler, mentale Erschöpfung oder der Verlust von Spielfreude.

Wird sportliches Handeln überwiegend reaktiv gesteuert, beispielsweise aus Angst, Erwartungsdruck oder alten Bewertungsmustern heraus, schrumpft der Handlungsspielraum. Werden die Pole hingegen bewusst wahrgenommen und situativ gewählt, entsteht Regulation. Genau hier wird Leistung gestaltbar.

In der Praxis kann sich das zum Beispiel so zeigen:
Ein Athlet geht dauerhaft ins Risiko mit seinen Aktionen auf dem Spielfeld. Durch seine Risikobereitschaft erzeugt er Gegenbewegungen innerhalb des Teams, weshalb andere Spieler eher "hinten bleiben" und "absichern". Durch diese Gegensätze funktioniert das Team nicht mehr als Einheit und es entstehen Lücken im Teamgefüge und im Stellungsspiel.

Oder:
Ein Spieler ordnet sich vollständig dem Team unter, verliert dabei jedoch den Zugriff auf eigene Initiative, Entscheidungsfreude und Kreativität, was das Team langfristig schwächt. Das System erzeugt eine Gegenbewegung, indem sich Spieler heraus bilden, die ihren Fokus eher auf Einzelaktionen legen.

Ziel dieses Modells ist es nicht, einen Pol zu vermeiden oder den „richtigen“ Zustand zu finden. Es geht darum, Bewegungen zu erkennen, Dynamiken zu verstehen und bewusst zwischen den Polen zu navigieren. Dynamiken innerhalb von Teams werden so verstehbar, regulierbar und entwicklungsfähig.

Erinnere dich an eine Teamsituation und stell dir eine Szene vor, wo es zu Blockaden kam:

• Wenn du deine Rolle in diesem System betrachtest: Auf welchem Pol ordnest du dich selbst ein? Was hat das für dich für Vorteile? Wo würden die anderen dich im Team einordnen?

• Fällt Dir jemand ein, der zu dir den Gegenpol eingenommen hat? Resultierten daraus Konflikte?

• Was würde ein neutraler Beobachter sagen, was genau im Team passiert ist, als es ins Destruktive kippte?

• Wenn die "Störung" in der Mannschaft oder im System eine sinnvolle Funktion hätte: Welche wäre es?

• Was hätte anders sein müssen (z.B. weniger Ich-Zentrierung oder Team-Zentrierung, größere Würdigung Einzelner, weniger Schuldzuweisung etc.), damit es wieder beweglicher im Team geworden wäre?

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Grundmodell

Aufmerksamkeit, Energie und Grundbedürfnisse

Nehmen wir ein plakatives Beispiel, um diese Ambivalenzen zu verdeutlichen: Stell dir vor, du trainierst für eine dir zusagende Sportart. Im Training fällt dir plötzlich auf, dass du den ganzen Tag noch gar nichts gegessen hast. Sofort macht dein Magen auf sich aufmerksam. Kurz darauf zieht auch noch ein intensiver Essensgeruch vom Restaurant nebenan herüber.

Plötzlich läuft gar nichts mehr. Du kannst dich nicht mehr richtig konzentrieren. Nichts funktioniert mehr wie geplant. Deine Bewegungen werden träger. Deine Aufmerksamkeit wandert ständig ab. Während du eigentlich bei deiner Übung bleiben möchtest, kreisen deine Gedanken immer wieder um das gleiche Thema: Du musst etwas essen.

Vielleicht versuchst du zunächst, dich zusammenzureißen. Du sagst dir, dass das Training gleich vorbei ist. Du versuchst, den Fokus zurückzuholen. Du versuchst, bei der Sache zu bleiben. Aber genau das kostet Energie. Plötzlich geht es nicht mehr nur darum, die eigentliche sportliche Aufgabe zu bewältigen. Jetzt musst du zusätzlich gegen etwas anarbeiten, das permanent Aufmerksamkeit fordert.

Ein Teil deiner Energie fließt nicht mehr in die Bewegung, nicht mehr in die Technik, nicht mehr in die Wahrnehmung dessen, was um dich herum geschieht. Ein Teil deiner Energie wird nun dafür benötigt, deine Aufmerksamkeit überhaupt noch auf der sportlichen Aufgabe zu halten.

Je länger dieser Zustand anhält, desto anstrengender wird er.

Vielleicht kennst du ähnliche Situationen auch außerhalb des Hungers. Du hast schlecht geschlafen. Du hast Streit mit einem wichtigen Menschen. Du machst dir Sorgen um eine Prüfung. Du denkst über ein wichtiges Gespräch nach. Obwohl du körperlich anwesend bist, ist ein Teil deiner Aufmerksamkeit woanders. Dadurch verändert sich selbstverständlich auch deine Leistungsfähigkeit. Deine Aufmerksamkeit und deine Energie stehen nicht mehr vollständig für die eigentliche Aufgabe zur Verfügung.

So ähnlich verhält es sich auch mit den verschiedenen Ambivalenzpolen. Sobald ein Pol zu dominant wird, beginnt er Aufmerksamkeit an sich zu binden. Plötzlich beschäftigt sich ein Sportler nicht mehr mit dem Spiel, sondern mit der Angst vor Fehlern. Nicht mehr mit seinem Bewegungsablauf, sondern mit dem Wunsch, alles perfekt machen zu müssen. Nicht mehr mit dem nächsten Ballkontakt, sondern mit der Sorge, was andere über ihn denken könnten.

Wie soll jemand die eigenen herausfordernden Bewegungsabläufe, die Mitspieler, die Gegner, den eigenen Körper, die eigene Atmung und das gesamte Spielgeschehen gleichzeitig im Blick behalten, wenn ein großer Teil der Aufmerksamkeit bereits durch einen einzigen inneren Konflikt gebunden wird? Wir denken, dass deutlich geworden ist, warum Leistung nicht nur etwas mit Technik, Kraft oder Talent zu tun hat.

Leistung hat immer auch etwas mit Aufmerksamkeit zu tun. Und Aufmerksamkeit hat immer auch etwas mit Energie zu tun. Je mehr Energie dafür aufgewendet werden muss, innere Konflikte, Sorgen, Ängste oder unerfüllte Grundbedürfnisse zu regulieren, desto weniger Energie steht für die eigentliche sportliche Aufgabe zur Verfügung.

Wer sich intensiver mit diesen Zusammenhängen beschäftigen möchte, findet ähnliche Dynamiken bei den verlinkten Unterseiten, sowie bei allen thematischen Seiten der Hintergründe. Häufig sind es eben genau diese Prozesse, die im Hintergrund darüber entscheiden, ob wir frei, flexibel und beweglich bleiben, oder ob wir beginnen, uns um einen einzigen Gedanken, eine einzige Sorge oder einen einzigen Ambivalenzpol zu drehen.

Grundmodell

Regulation im sportlichen Spannungsfeld

Im Sport entscheidet sich Leistung also nicht allein durch Technik, Kraft, Athletik oder Taktik, sondern durch die Fähigkeit, innere Spannungsfelder situativ zu regulieren. In jedem Moment geht es um ein stimmiges Maß zwischen den jeweiligen herrschenden Ambivalenzen. Leistung entsteht aus dem beweglichen Umgang mit diesen Gegensätzen - nicht aus ihrer einseitigen Festlegung.

Im Leistungs- und Profisport ist diese Regulation besonders anspruchsvoll. Alles ist sichtbar, vergleichbar und wird öffentlich bewertet. Zahlen, Statistiken, Aufstellungen, Kommentare von Trainern, Medien oder Fans oder Zuschauenden wirken nicht neutral, sondern greifen direkt auf das Stimmungs- & Bewertungsinstrument zu und attackieren Grundbedürfnisse - und so auch die Leistung.

Bewertung ist dabei nicht grundsätzlich problematisch. Sie erfüllt eine wichtige orientierende Funktion: Sie gibt Rückmeldung, ermöglicht Lernen und Entwicklung. Kritisch wird sie dort, wo Bewertung nicht mehr handlungsbezogen, sondern personenbezogen wirkt. Dann wird ein Fehler nicht als Information erlebt, sondern als Bedrohung des Selbstwertes. Das Grundbedürfnis gerät unter Druck. Aufmerksamkeit verengt sich, Körpergefühl geht verloren, Automatismen brechen weg. Fähigkeiten, die im Training verfügbar sind, stehen im Wettkampf plötzlich nicht mehr zur Verfügung.

Im Mannschaftssport verstärkt sich diese Dynamik zusätzlich. Unterschiedliche Spielertypen mit unterschiedlichen Regulationsmustern treffen aufeinander. Die innere Verfasstheit einzelner Spieler überträgt sich über Resonanz auf das gesamte System. Unreflektierte Bewertung, ob durch Trainer, Mitspieler oder das Umfeld/Zuschauer, kann so kollektive Überaktivierung, Passivität oder Blockade erzeugen. Umgekehrt entsteht Team-Momentum dort, wo Bewertung Sicherheit gibt, ohne zu vereinnahmen, und Leistung einfordert, ohne Zugehörigkeit infrage zu stellen.

Salutogene sportliche Entwicklung bedeutet deshalb nicht, Bewertung zu vermeiden, sondern sie einzuordnen. Entscheidend ist nicht, ob bewertet wird, sondern wie Bewertung auf das innere System wirkt. Leistungsfähigkeit zeigt sich somit nicht im dauerhaften Hoch, sondern in der Fähigkeit, sich immer wieder neu auszubalancieren. Genau hier entscheidet sich, ob sportliche Herausforderungen Wachstum ermöglichen oder blockieren.

Stell dir vor, du wolltest Leistung zuverlässig verhindern.

• Was müsstest du unmittelbar vor der Aktion denken, damit du sicher scheiterst? 

• Welche Sätze würden dich garantiert aus dem Moment reißen („Ich muss aufpassen, sonst kommt gleich der Fehler“, „Heute muss es klappen", oder vom Coach "Wenn du heute wieder versagst, dann...")?

• Welche Art Training würde dich besonders gut darauf vorbereiten, in Wettkämpfen zu verkrampfen (zu viel Analyse, zu viel Vergleiche, zu wenig Spiel etc. …)?

• Was könnte eine Veränderung sein, die genau diese (Selbst-) Sabotagekette unterbrechen könnte?

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Exkurs

Wer Sport verfolgt, ist dem Begriff Momentum wahrscheinlich schon häufig begegnet. Kommentatoren sprechen davon, Trainer sprechen von "Läufen" und mittlerweile versuchen sogar verschiedene Anbieter, Momentum während eines Spiels sichtbar zu machen. Im Fußball werden Kurven eingeblendet, die zeigen sollen, welche Mannschaft gerade „das Momentum“ auf ihrer Seite hat. Im Tennis wird darüber gesprochen, wenn ein Spieler plötzlich mehrere Punkte in Folge gewinnt. Im Basketball scheint eine Mannschaft manchmal innerhalb weniger Minuten völlig die Kontrolle über ein Spiel zu übernehmen.

Die meisten Menschen wissen intuitiv, was damit gemeint ist. Es ist dieses Gefühl, dass plötzlich etwas kippt. Eine Mannschaft wirkt mutiger, entschlossener und sicherer. Pässe kommen an. Zweikämpfe werden gewonnen. Entscheidungen werden schneller getroffen. Chancen entstehen beinahe von selbst.

Und genauso gibt es die andere Seite. Für das andere Team wirkt plötzlich alles schwer. Die einfachsten Dinge funktionieren nicht mehr. Spieler beginnen zu zögern. Fehler häufen sich. Unsicherheit breitet sich aus. Das System wirkt instabil.

Interessant ist dabei, dass Momentum nur schwer messbar ist. Natürlich lassen sich Ballbesitz, Torchancen, Laufwege oder gewonnene Zweikämpfe erfassen. Doch das eigentliche Momentum scheint etwas anderes zu sein. Es ist eher ein kollektives Gefühl. Spieler, Trainer, Zuschauer und Kommentatoren spüren häufig gleichzeitig, dass sich etwas verändert hat, lange bevor sich dies vollständig in Zahlen ausdrücken lässt.

Setzen wir aus ASBG-Perspektive die Theorien und Modelle für das Momentum ein, wird daraus kein mystischer Zustand, sondern ein Ausdruck von Resonanz-, Bewertungs- und Regulationsprozessen innerhalb eines Systems.

Ein besonders eindrückliches (und gerne erinnertes) Beispiel dafür ist das Halbfinale der Fußball-Weltmeisterschaft 2014 zwischen Brasilien und Deutschland. Brasilien ging bereits mit einer besonderen Ausgangslage in dieses Spiel. Neymar, der zentrale Hoffnungsträger der Mannschaft, fehlte verletzt. Auch der Kapitän Thiago Silva stand nicht zur Verfügung. Das Team war dadurch bereits vor dem Anpfiff mit Unsicherheit konfrontiert. Als Deutschland früh das 1:0 erzielte, war das zunächst kein Problem. Solche Rückstände gehören zum Sport. Doch anschließend geschah etwas, das viele Menschen bis heute nicht vergessen haben. Zwischen der 23. und 29. Minute erzielte Deutschland weitere vier Treffer zum Spielstand zum 5:0.

Wer das Spiel gesehen hat, erinnert sich vermutlich nicht nur an die Tore selbst, sondern an das Gefühl, das plötzlich aufgekommen ist. Es wirkte nicht erklärbar. Surreal. Es wirkte, als würde das brasilianische System auseinanderbrechen. Manche Spieler begannen hektischer zu agieren (Überspannung). Manchen fehlte plötzlich die Körperspannung (Unterspannung). Die Ordnung ging verloren. Entscheidungen wurden unsicherer. Jeder neue Fehler schien den nächsten Fehler wahrscheinlicher zu machen. Die Bewertungen begannen sich gegenseitig zu verstärken.

Gleichzeitig geschah auf deutscher Seite das Gegenteil. Sicherheit entstand. Mut entstand. Die Spieler vertrauten ihren Entscheidungen. Bewegungen wurden klarer. Das Spiel schien beinahe von selbst zu laufen. Genau das beschreiben viele Menschen als Momentum.

Aus unserer Sicht entsteht Momentum dann, wenn sich Bewertungen, Grundbedürfnisse, Aufmerksamkeit, Schuld und grundsätzlich das Stimmungs- und Bewertungsintrument gegenseitig verstärken. Das System gerät in eine Aufwärtsspirale oder in eine Abwärtsspirale. Ein einzelner Fehler verursacht dabei selten den Zusammenbruch eines Systems. Entscheidend ist vielmehr, wie dieser Fehler bewertet wird. Wird er als normale Spielsituation eingeordnet, bleibt das System beweglich. Wird er jedoch als Bedrohung erlebt, verändern sich Aufmerksamkeit, Körperspannung, Kommunikation und Entscheidungsverhalten. Dadurch entstehen neue Fehler, welche die ursprüngliche Bewertung bestätigen. Das Momentum verstärkt sich selbst. Dafür gibt es in jeder Sportart weitere einprägsame Beispiele.

Momentum ist deshalb weniger eine Eigenschaft eines Spiels als eine Eigenschaft von lebendigen Systemen. Es entsteht überall dort, wo Menschen gemeinsam handeln, bewerten und aufeinander reagieren. Im Sport wird dieser Prozess lediglich besonders sichtbar. Er ist aber auch in Unternehmen, in Familien, in Freundschaften oder in romantischen Beziehungen sichtbar. Sogar bei einer Einzelperson kann Momentum beobachtet werden.

Aus salutogener Perspektive entsteht günstiges Momentum häufig dort, wo Ambivalenzen ausreichend balanciert werden und dadurch Wahl- und Entscheidungsfreiheit erhalten bleiben. Positives Momentum entsteht häufig dann, wenn Ambivalenzen beweglich reguliert werden können und Aufmerksamkeit nicht durch innere Konflikte gebunden wird. Und genau deshalb lässt sich Momentum aus unserer Perspektive nicht nur beobachten, sondern auch beeinflussen. Man kann es nicht erzwingen - das würde nicht zum Erfolg führen. Aber indem man versteht, welche Bewertungen, Resonanzen und Ambivalenzen ein System gerade in Bewegung oder in Lähmung bringen. Dadurch wird aus dem scheinbar mystischen Momentum ein verstehbarer Prozess systemischer Regulation.

Zusammenfassung

Sport ist ein verdichteter Erfahrungsraum menschlicher Ambivalenzen. Leistung, Flow und Entwicklung entstehen nicht durch maximale Kontrolle oder permanenten Druck, sondern durch die Fähigkeit, innere Spannungsfelder situativ regulieren zu können. Im sportlichen Erleben bewegen wir uns fortlaufend zwischen Risiko und Sicherheit, zwischen Erfolgsorientierung und Gelassenheit sowie zwischen ICH-Fokus und Team-Fokus.

Das besondere am Sport ist, dass diese inneren Prozesse unmittelbar sichtbar werden. Körper, Emotion, Aufmerksamkeit und Bewertung greifen direkt ineinander. Wenn Regulation zwischen den Polen gelingt, entsteht Flow im Einzelnen. Das Gleiche gilt hier: Momentum im Team entsteht dort, wo Körpergefühl, Wahrnehmung und Bedeutungszuschreibung sowie Handeln stimmig zusammenwirken. Wenn Regulation misslingt, blockieren sich genau jene Fähigkeiten, die eigentlich verfügbar wären.

Bewertungen und das Stimmungs- und Bewertungsinstrument spielen dabei eine zentrale Rolle. Sie können Orientierung geben und Entwicklung ermöglichen oder das innere System unter Druck setzen und verengen. Ob eine Bewertung leistungsförderlich oder leistungshemmend wirkt, entscheidet sich in der Wechselwirkung zwischen äußerer Rückmeldung und dem individuellen Stimmungs- und Bewertungsintrument. Besonders im Leistungs- und Mannschaftssport verstärken sich diese Dynamiken durch Öffentlichkeit, Konkurrenz und Resonanzprozesse innerhalb des Teams.

Aus salutogener Perspektive geht es im Sport deshalb darum, die eigenen Spannungsfelder zu verstehen, Einseitigkeiten früh zu erkennen und Regulation bewusst zu gestalten, individuell wie im Team. Dort, wo diese Beweglichkeit erhalten bleibt, wird Sport zu einem Raum von Entwicklung, Lebendigkeit und nachhaltiger Leistungsfähigkeit.

Meisterschaft besteht nicht darin, alles zu kontrollieren, sondern im richtigen Moment loszulassen.

- Bruce Lee

Fallbeispiele

Günstige Regulation - Das bewusste Team

Eine Fußballmannschaft (2. Liga) steht unter dem Druck, in die erste Liga aufsteigen zu wollen. Der Trainer kennt seine Spieler genau – insbesondere, wie sie auf Druck reagieren und welchen Einfluss das auf ihre Spielweise hat.

Dazu ist eine differenzierte Kenntnis ihrer Stimmungs- und Bewertungsinstrumente erforderlich, um frühzeitig zu erkennen, welche Spieler zu extremen Regulationsmustern neigen: zum Beispiel zu einer Überaktivierung im Sinne von Erfolgsbesessenheit, oder zu einer lähmenden Hemmung aus Angst vor dem Versagen.

Gleichzeitig weiß der Trainer auch, wie sein eigenes Verhalten, seine Kommunikation und Ausstrahlung sich verändern, wenn er unter Stress oder Angst gerät und dabei seine Gelassenheit verliert. Er versteht die Resonanz- und Wechselwirkungsprozesse, die zwischen ihm und seinen Spielern entstehen – und reflektiert seine eigene Anspannung sowie die Wirkung seiner inneren Haltung.

Diese Selbstwahrnehmung ermöglicht es ihm, seine Beziehungsgestaltung gezielt und hilfreich an den individuellen Bewertungssystemen seiner Spieler auszurichten.

In der Mannschaft herrscht eine Kultur des offenen, gemeinsamen Austausches, in der sich niemand fürchten muss, sich zu zeigen. Keiner wird beschämt, abgewertet oder als weniger wichtig wahrgenommen.

Gegenseitige Unterstützung kann in einem solchen Rahmen gezielt und nicht zufällig entstehen. Wenn Fehler passieren, wird nicht nach Schuldigen gesucht, sondern gemeinsam reflektiert, wie sich ähnliche Situationen zukünftig funktionaler bewältigen lassen.

Günstige Regulation - Die Balance

Maria (23) bereitet sich auf „Flow“-Zustände bewusst vor, indem sie in einer inneren Einkehr (Trance) Kontakt mit ihrem Stimmungs- und Bewertungsinstrument aufnimmt. Sie prüft, welcher Pol aktuell besonders aktiviert ist (siehe Grafik) und ob ihre inneren Dialoge zuversichtlich und aufbauend verlaufen.

Abwertungen, Befürchtungen und Unsicherheiten begegnet sie liebevoll und fragt diese, was sie Gutes für sie erreichen oder was sie möglicherweise verhindern wollen. So führt sie alle widerstreitenden Anteile wertschätzend zusammen – so dass keine energetischen Blockaden entstehen und keine Bewältigungsstrategien in ein „zu viel“ oder „zu wenig“ münden.

Ungünstige Regulation - Resonanzdynamik

Der Trainer einer Mannschaft ist in seinem Erleben stark vom Verhalten anderer Menschen abhängig. Sein unwillkürliches und schnelles Bewertungssystem reagiert besonders empfindlich auf Signale, die seinen Wert und damit sein Zugehörigkeitsgefühl infrage stellen könnten. Selbst ungefährliche Äußerungen anderer können ihn innerlich unruhig machen – sein Ausdruck wirkt dann angriffslustig und aggressiv, auch wenn das nicht beabsichtigt ist. Bei seinen Spielern entstehen dadurch ungünstige Resonanzen und Wechselwirkungsprozesse – insbesondere bei jenen, die selbst sensibel und feinfühlig auf Unsicherheiten von anderen reagieren.

Diese Spieler verlieren in solchen Momenten den Zugriff auf ihre Kompetenzen, obwohl sie nicht verstehen, warum etwas, das normalerweise mühelos gelingt, plötzlich nur noch mit Anstrengung möglich ist.

Ungünstige Regulation - Erwartungen

Max (24) hat seinen Stammverein verlassen, um höherklassig zu spielen. Die Vorgespräche mit dem neuen Verein verliefen günstig, und er entschied sich für den Wechsel. Auf seiner Position spielt dort ein in die Jahre gekommenes „Eigengewächs“, für den Max als Nachfolger vorgesehen war. Max vertraut den Aussagen des Vereins und geht davon aus, dass er sich – wie in der Vergangenheit – mit seinen Leistungen zum Stammspieler entwickeln wird.
Doch zu seiner Überraschung bleibt er in der Rolle des Ersatzspielers. Sein Konkurrent wirkt sympathisch, ist gut mit den Leistungsträgern vernetzt und genießt offenkundig deren Rückhalt.

Max inneres Empfindungs- und Bewertungssystem reagiert mit Passivität und Konfliktvermeidung. Es fehlt ihm in der Folge an Schärfe und innerer Spannung. Seine Aufmerksamkeit wird anfällig für Ablenkung – sowohl von innen als auch von außen. Er macht Fehler, die ihm sonst nicht unterlaufen. Frustriert beginnt er, sich in seinem inneren Dialog abzuwerten, was die Situation zusätzlich verstärkt.

Reflexion

Vom Verstehen ins Handeln

Welche Gedanken nimmst du aus diesem Kapitel mit?

Welche Beobachtung möchtest du in den nächsten Tagen bewusst machen?

Welche Beziehungen in deinem Leben (zu dir, zu Anderen, zu bestimmten Anteilen von dir, etc.) würdest du gerne mit neuen Augen betrachten?

Verstehen ist selten das Ende eines Weges. Oft beginnt damit erst die eigene Auseinandersetzung. Welche nächsten Schritte für dich stimmig sind, kannst nur du selbst entscheiden. Wenn du dabei den Austausch mit anderen suchst, findest du in unserer Community einen offenen Ort für gemeinsame Reflexion.