Stimmungs- & Bewertungsinstrument

Überblick

Auf dieser Seite findest du eine Erklärung dafür, wohin unsere begrenzte Aufmerksamkeit fließt und warum sie sich auf bestimmte Aspekte richtet. Zuständig dafür ist das Stimmungs- und Bewertungsinstrument (SBI). Es entscheidet fortlaufend, was für uns bedeutsam wird und was im Hintergrund verschwindet. Diese Selektivität geschieht weitgehend unbewusst und automatisch. Wichtig ist dabei: Das SBI ist keine „Störung“ und kein moralischer Fehler. Es ist eine funktionale Instanz unseres psychischen Systems. Es arbeitet schnell, schützend und konsequent - aber nicht unbedingt im Sinne dessen, was uns heute langfristig gut tut.

Hinweis: Die hier beschriebenen Zusammenhänge stehen in engem Zusammenhang mit  den Unterseiten Die Grundbedürfnisse und Menschliche Aufmerksamkeit & das Energieproblem. Die Unterseite Die ersten 1000 Tage ergänzt diese Modelle um eine entwicklungspsychologische Dimension und macht verständlich, wie frühe Lernerfahrungen spätere Bewertung, Aufmerksamkeit und Energieverteilung prägen.

...warum bestimmte Reize unsere Aufmerksamkeit binden

...warum wir in ähnlichen Situationen immer wieder ähnlich reagieren

...warum objektive Informationen allein unser Erleben selten verändern

Grundmodell

Was ist das Stimmungs- und Bewertungsinstrument?

Das SBI ist eine funktionale Instanz unseres psychischen Systems. Es nimmt wahr, bewertet, ordnet Bedeutung zu und lenkt unsere Energie und unsere Aufmerksamkeit dorthin, wo sie gerade benötigt wird. Das alles passiert unwillkürlich. Es entzieht sich unserer direkten Kontrolle.

Seine zentrale Aufgabe besteht darin, fortlaufend zu entscheiden:

• Was ist mir im Moment wichtig?
• Worauf sollte ich genau achten?
• Was könnte relevant, gefährlich, bedeutsam oder lohnend sein?
• Was kann ignoriert werden?

Damit steuert das SBI, wohin unsere Aufmerksamkeit fließt und damit indirekt auch, wie wir fühlen, denken und handeln.

Der bekannte Satz „Du siehst die Welt nicht, wie sie ist, sondern wie du bist“ beschreibt diesen Mechanismus treffend: Aufgrund unserer Erfahrungen laden wir bestimmte Aspekte der Wirklichkeit mit Bedeutung auf - andere blenden wir aus. Was für den einen zentral erscheint, ist für den anderen kaum wahrnehmbar.

Das SBI liefert keine objektive Wahrheit, sondern Situationsinformationen aus subjektiver Perspektive, gefärbt durch frühere Erfahrungen, Bewertungen und Beziehungserlebnisse.

Grundmodell

Warum unsere Aufmerksamkeit nicht neutral ist

Unsere Aufmerksamkeit folgt keinen Fakten. Sie folgt Bedeutung.

Das SBI bewertet Reize danach, ob sie im Zusammenhang mit menschlichen Grundbedürfnissen stehen. In jedem Augenblick prüft das System: Ist hier etwas bedroht? Benötige ich etwas? Könnte etwas wichtig werden? Dort, wo das SBI einen Mangel oder eine Bedrohung vermutet, erhält der entsprechende Reiz erhöhte Bedeutung und bindet Aufmerksamkeit.

Ein einfaches Beispiel: Bei Hunger nehmen wir Essensgerüche intensiver wahr, Bilder und Gedanken richten sich auf Nahrung, andere Themen verlieren an Bedeutung. Wir können uns dann oftmals nicht mehr so gut konzentrieren. Nicht, weil wir „schwach“ sind, sondern weil das SBI priorisiert.

Bedeutung bekommen aber auch jene Reize, die sich aufgrund früherer Erfahrungen als besonders wirksam oder erfolgversprechend erwiesen haben. Das SBI greift bevorzugt auf das zurück, was sich „bewährt“ hat, unabhängig davon, ob es heute noch hilfreich ist.

Stellen Sie sich vor: (-> Hier ein griffiges Beispiel einfügen!)

So erklärt sich auch, warum zwei Menschen dieselbe Situation völlig unterschiedlich erleben: Nicht die Situation entscheidet über Bedeutung, sondern das jeweilige SBI. Wie ist es gestimmt und worauf fokussiert es im Moment?

Grundmodell

Wahrnehmung als Spiegel der eigenen Geschichte

Das SBI arbeitet niemals losgelöst von der Vergangenheit. Es ist gestimmt durch frühere Beziehungserfahrungen, insbesondere durch emotional bedeutsame Erlebnisse.

Je früher, intensiver und existenzieller diese Erfahrungen waren, desto stärker prägen sie die heutige Bedeutungszuweisung. Alte Mangel- oder Bedrohungserfahrungen wirken dabei wie Filter, durch die neue Situationen betrachtet werden.

Ebenfalls ist das SBI empfindsam gegenüber den eigenen aktuell emfundenen Erleben. Erlebter Stress, oder selbst auferlegte Schuldgefühle zu einer spezifischen Thematik können dazu führen, dass negative Reize fokussiert und überinterpretiert werden.

So kann es geschehen, dass scheinbar nebensächliche Signale plötzlich enorme Wirkung entfalten:

• ein Tonfall
• ein Blick
• eine kleine Verzögerung
• eine beiläufige Bemerkung

Das SBI verknüpft diese Signale blitzschnell mit früheren Erfahrungen und richtet die Aufmerksamkeit entsprechend aus. Und das ganze stimmig aus seiner eigenen Logik heraus.

Grundmodell

Warum wir uns manchmal selbst nicht verstehen

Alle Menschen kennen Momente, in denen sie sich später fragen:

• Warum hat mich das so aus der Bahn geworfen?
• Warum konnte ich plötzlich nicht klar denken?
• Warum habe ich mich so verhalten, obwohl ich es eigentlich besser weiß?

Wir können ihnen freudig mitteilen: Es liegt nicht an ihnen! Nun ja, zumindest nicht bewusst. Es liegt weniger an mangelnder Einsicht, sondern vielmehr an der Priorisierung des SBI. Und diese geschieht unbewusst.

Wenn das SBI einem Reiz hohe Bedeutung zuschreibt, bindet dieser automatisch Aufmerksamkeit. Andere Informationen, selbst solche, die objektiv wichtig wären, verlieren an Gewicht. Das Erleben verengt sich, ohne dass wir es bewusst steuern.

In solchen Momenten „übernimmt“ nicht ein fremder Teil, sondern das eigene, hochsensible Bewertungsinstrument in Abstimmung mit früheren gemachten Erfahrungen.

So entstehen auch schnelle Bewertungen von Menschen: Manche erscheinen uns plötzlich unsympathisch, andere außergewöhnlich kompetent. Diese Bewertungen sind keine universellen Urteile, sondern passen zur individuellen Stimmigkeit unseres SBI. Deshalb können Menschen über dieselbe Person völlig gegensätzliche Eindrücke haben.

Fallbeispiel

Passend dazu eine Erfahrung, die Klaus-Dieter Dohne vor Kurzem machen durfte: Er war bei einem Freund zu Besuch, der bei seiner Ankunft sehr frustriert und verzweifelt war, da er versuchte, seinem Sohn die binomischen Formeln und deren Anwendung zu erläutern. Am nächsten Tag sollte dieser eine Klassenarbeit zu diesem Thema schreiben. Der gemeinsame Versuch war bislang nicht von Erfolg gekrönt und hatte bereits sichtbare Spuren der Anspannung hinterlassen.

Nun sollte ein neuer Versuch unternommen werden, schließlich war mit dem „Psychologen“ vermeintlich ein Experte vor Ort. Zunächst wurde das Mathematikbuch mit den Hinführungen, Erklärungen und Anwendungsbeispielen durchgesehen. Dabei zeigte sich, wie mühelos ein Erwachsener den Ausführungen folgen und verstehen konnte, was ihm selbst früher als Schüler große Schwierigkeiten bereitet hatte.

Mit diesem sicheren Verständnis wurde versucht, dem Sohn den Stoff so zu erklären, dass auch er zu einer guten Note gelangen könne. Doch schnell wurde deutlich, dass es ihm nicht möglich war, den Worten jene Bedeutung zu geben, die notwendig gewesen wäre, um die Aufgaben zu durchdringen und eigenständig zu lösen.

Daraufhin wurde die Strategie verändert. Die Bücher wurden geschlossen, und es wurde nach den ersten Erinnerungen gefragt, die mit den binomischen Formeln verbunden waren, ebenso nach dem sozialen Gefüge in der Schule und im Freundeskreis. Nun begann der Sohn ausführlich zu berichten. Dabei zeigte sich, dass seine Aufmerksamkeit kaum bei sich selbst oder bei einer innerlich offenen, lösungsorientierten Lernhaltung lag.

Sein innerer Fokus war vielmehr auf (tatsächliche oder vermeintliche) Äußerungen bedeutsamer Mitschüler gerichtet. Deren Anerkennung und Bewertung hatten für ihn eine so große Bedeutung, dass hilfreiche Erklärungen nicht aufgenommen und verarbeitet werden konnten. Der Lernstoff ließ sich für ihn nicht von diesen sozial-emotionalen Beziehungserfahrungen trennen.

So wurde deutlich, wie stark Konzentration und Aufmerksamkeit von individuellen sozial-emotionalen Bedürfnissen beeinflusst werden und wie selbst eine scheinbar nüchterne Größe wie eine Schulnote in Wahrheit das Ergebnis komplexer innerer und zwischenmenschlicher Dynamiken ist.

Das Stimmungs- und Bewertungsinstrument ist eine wesentliche Steuerungsgröße: Es bestimmt worauf wir unsere Aufmerksamkeit legen. Empfinden wir wesentliche Grundbedürfnisse als in einem Mangel - wie es in diesem Beispiel der Fall war - fällt es Menschen schwer ihren "Scheinwerferkegel" der Aufmerksamkeit präzise einzustellen.

Grundmodell

Das SBI und automatische Reaktionen

Wenn es zu sogenannten "Energielecks" kommt, greifen Menschen häufig auf schnelle, automatisierte Reaktionsmuster zurück. Diese Muster sind alt, erprobt und energiesparend. Sie passen jedoch oft nicht mehr zu den komplexen Anforderungen des aktuellen Lebens. Das erklärt, warum Menschen plötzlich laut werden, verstummen, angreifen oder sich zurückziehen und sich später darüber wundern.

Um solche Automatismen zu regulieren, braucht es die übergeordneten Steuerungsfunktionen des Frontalhirns. Diese Regulation ist jedoch energieaufwendig und nicht dauerhaft verfügbar.

Wie genau Energie, Aufmerksamkeit und Automatismen zusammenhängen, finden Sie auf der Unterseite Menschliche Aufmerksamkeit & das Energieproblem.

Grundmodell

Veränderung: möglich, aber begrenzt

Das SBI lässt sich nicht einfach „abschalten“ oder überlisten. Fakten, gute Argumente oder reine Willenskraft reichen meist nicht aus, um seine Bewertungen dauerhaft zu verändern.

Was jedoch möglich ist:

• Bedeutungen wahrzunehmen, statt ihnen ausgeliefert zu sein
• innere Priorisierungen zu erkennen
• automatische Bewertungen zu verlangsamen
• regulative Fähigkeiten gezielt einzusetzen

Dafür braucht es Bewusstheit, Übung und in vielen Fällen ausreichend innere Ruhe und Ressourcen. Und auch dann bleibt Veränderung kein Dauerzustand, sondern ein prozesshaftes Geschehen.

Ein erster Schritt zur Veränderung könnte es sein, die eigenen Bewertungsmuster sichtbar zu machen. Hierfür bietet DEECIO ein umfassendes und genaues Screening an.

Zusammenfassung

Das Stimmungs- und Bewertungsinstrument entscheidet fortlaufend darüber:

• was für uns Bedeutung bekommt
• wohin unsere Aufmerksamkeit geht
• was wir wahrnehmen und was nicht
• warum wir uns in bestimmten Situationen anders erleben als gedacht

Es arbeitet unbewusst, erfahrungsbasiert und konsequent im Dienst unserer Grundbedürfnisse.

Wer das SBI versteht, beginnt, das eigene Erleben und handeln nicht vorschnell zu pathologisieren, sondern als sinnvolle, wenn auch manchmal ungünstige Reaktion eines hochsensiblen inneren Systems zu begreifen.