Gewinner und Verlierer in Beziehungen

Überblick

In diesem Abschnitt geht es um Beziehungsmuster, die zu Gewinner- und Verliererdynamiken führen. In den meisten Beziehungen können solche Dynamiken in starker oder schwacher Ausprägung erkannt werden. Sie erfahren, warum wir manchmal in Rollen rutschen, die wir nicht gewählt haben, warum Enttäuschungen eskalieren können und wie Missverständnisse entstehen. Und Sie finden hier, welche Strategien dazu beitragen, dass wir uns immer wieder in ähnlichen Beziehungssituationen wiederfinden.

…wie wir alte Dynamiken erkennen und verändern können.

…wie wir innere Muster und Konflikte verstärken oder beruhigen können.

… warum bei einem Sieg,
oft beide verlieren.

Grundlagen

Wenn das Leben sich wie eine Niederlage anfühlt

Ein Förderer - nennen wir ihn Christian - unserer Akademie berichtete von einer schmerzhaften Erfahrung: Im Rahmen eines Sorgerechtsstreits mit der Mutter seiner Tochter wurde er in der Verhandlung mit massiven Vorwürfen und Abwertungen konfrontiert, die seiner eigenen Wahrnehmung nach weder fair noch gerechtfertigt waren. Gleichzeitig kam es in seinem beruflichen Umfeld zu ähnlichen Dynamiken: Zwei Geschäftspartner, mit denen er lange vertrauensvoll zusammengearbeitet hatte, stellten ihn ebenfalls als den Schuldigen dar und verbreiteten, so schilderte er es, unwahre Geschichten im gemeinsamen Netzwerk.

Er fragte sich, ob er einen Anteil daran trug. So viele Menschen in seinem Umfeld, die nun ähnlich auf ihn reagierten und Unwahrheiten über ihn in die Welt setzten? Er habe doch stets das Gute für alle gewollt, eigene Interessen zurückgestellt und für andere mitgedacht! Das fühlte sich einfach nicht fair an. Und doch: Er fühlte sich stigmatisiert. Als der Böse. Der Verlierer. Nach all seinem Einsatz und seiner Opferbereitschaft stand am Ende vor allem eines: Enttäuschung.

Eine Kollegin aus unserem Team äußerte eine vorsichtige Vermutung: Vielleicht fühlten sich sowohl die Mutter seines Kindes als auch seine Geschäftspartner auf eine Weise verletzt, die ihm selbst gar nicht bewusst war. Vielleicht hatte nicht seine Absicht, sondern Wechselwirkungen auf sein Verhalten eine Kaskade aus alten Wunden ausgelöst. Ganz nach dem Motto: Wir wiederholen in Beziehungen ständig unsere erlernten Muster. Und meist ist uns das nicht einmal bewusst.

Bevor du weiterliest, bleib kurz bei dir:

• In welchen Situationen in deinem Leben kennst du das Gefühl, „der Verlierer“ zu sein, obwohl du innerlich sicher warst, „eigentlich das Richtige“ getan zu haben?

• Welche Geschichte erzählst du dir dort über dich selbst und welche über die anderen?

• Was würden Menschen sagen, wodurch sie dich verletzt, übergangen oder bedroht haben?

• Wenn ein neutraler Beobachter euch als Beziehungssystem betrachten hätte, was würde er sagen, mit welchen Verhaltensweisen du an der Situation beigetragen hast?

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Grundlagen

Vom Geben und vom Hoffen

Die Frage, ob man in einer Beziehung als Verlierer herausgeht, beschäftigt viele Menschen. Coaches, Berater und Therapeutinnen begegnen diese Themen regelmäßig. Es geht dabei nicht nur um zerbrochene Beziehungen. Es geht um Abwertungen durch andere, um beleidigende Bewertungen, um Unterstellungen, die sich tief in das Selbstbild eingraben. Oft berichten Menschen, dass sie zu viel gegeben, sich aufgeopfert, eigene Bedürfnisse zurückgestellt haben - und am Ende leer ausgegangen sind. Im schlimmsten Fall werden sie noch diffamiert. Keine Anerkennung. Keine Würdigung. Keine Wertschätzung. Die Folge: Rückzug. Enttäuschung und Abbruch von ehemals bedeutungsvollen Beziehungen. Und oft offener Groll und Misgunst, die fortan das eigene Stimmungs- und Bewertungsinstrument prägen.

Menschen, denen es nicht gelingt, diese schmerzhaften Stacheln aus dem Gedächtnis zu ziehen, laufen Gefahr, ähnliche Beziehungserfahrungen immer wieder zu machen - wie eine eiternde Wunde, die sich durch Nichtbeachtung zunehmend entzündet. Christian bat um eine Erklärung: „Warum passiert mir das? Was trage ich selbst dazu bei? Und wie kann ich vermeiden, dass es erneut geschieht?“

Eine berechtigte Frage. Denn die Konflikte, die wir mit anderen Menschen erleben, entspringen häufig unseren tief eingeübten Bewältigungsstrategien. Strategien, die wir im Laufe unseres Lebens (oft unbewusst) zur Sicherung unserer menschlichen Grundbedürfnisse entwickelt haben. Gerade die früh erlernten Strategien in den ersten 1000 Tagen, die uns einst geholfen haben, werden oft zu dem, was wir später unsere Stärken nennen. Und genau diese Stärken können je nach Kontext zu bösen Fallstricken werden.

Im Fall von Christian zeigt sich das beispielhaft. Er verfügt über eine ausgeprägte, situative Begeisterungsfähigkeit - warm, herzlich und wertschätzend im Kontakt. Er kann berührende Geschichten erzählen, die in anderen etwas auslösen. Ideen entwickeln, die inspirieren. Und oft glaubt er im Moment selbst an die Vision, die er skizziert. Diese Begeisterung erzeugt Resonanz. Menschen fühlen sich verstanden, gesehen und mitgenommen. Sie glauben, in ihm jemanden gefunden zu haben, der denkt und fühlt wie sie. Jemand der ihre Sehnsüchte teilt. Und sie projizieren Hoffnungen auf ihn: Vielleicht ist er der Mensch, mit dem sie endlich das erreichen können, wonach sie sich so lange gesehnt haben.

Doch was als lebendige Verbindung beginnt, kann ins Kippen geraten. Denn die aufgeladenen Bedeutungen und Erwartungen, die andere mit ihm verbinden, übersteigen oft das, was er erfüllen kann. Weil er seine begeisternde Art in allen Kontakten zeigt, wirkt es, als ob er all das mit allen teilen möchte. So kommt es bei ihm nahestehenden Personen zu Unsicherheit, Eifersucht oder Verlustangst: „Wird mein/unser "Wunscherfüller" Christian gerade jemand anderem wichtig und zugänglich?“ „Verliere ich ihn an die nächste tolle Idee?“

Diese Dynamik ist oft nicht einmal bewusst. Aber sie kann Beziehungen vergiften, auf der privaten wie auf der beruflichen Ebene. Viele Missverständnisse, die wir im Alltag als „unerklärlich“ empfinden, wurzeln genau in solchen überlagerten Bedeutungsfeldern. Und häufig sind es nicht die Absichten, sondern die unausgesprochenen Resonanzen, die Beziehungsgeschehen in Bewegung bringen - und auch aus dem Gleichgewicht.

Viele Menschen sagen: „Ich habe so viel gegeben.“ Bleib kurz bei diesem Satz und werde konkret.

• Was genau hast du gegeben? (Zeit, Geld, Fürsorge, Loyalität, Geduld, Verständnis, Verzicht, Präsenz, ...)

• Was hast du dabei gehofft, zurückzubekommen?
• Hast du dieses Bedürfnis ausgesprochen?

Wenn dein Gegenüber dein Geben erlebt hat:
• Wie hat es sich für ihn/sie angefühlt? (Wie Liebe, wie Druck, wie Erwartung oder wie Kontrolle?

• Was könnte es in Beziehungen auslösen, wenn jemand sehr viel gibt, sehr viel trägt, sehr viel „mitdenkt“ und das Gegenüber spürt: „Ich kann das nie zurückzahlen“?

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Visualisierung

Muster wiederholen sich oft jenseits unserer bewussten Kontrolle.
Manchmal hilft es, sie erst einmal zu sehen.

• Welche Muster begegnen mir in meinen Beziehungen immer wieder?

• Wo tauchen ähnliche Dynamiken auf, trotz unterschiedlicher Menschen, Kontexte oder Lebensphasen?

Grundlagen

Ein Beispiel, nicht generalisierbar.

Natürlich ist diese Geschichte nur ein Beispiel. Sie erklärt nicht die Wahrheit, sondern zeigt eine mögliche Dynamik, wie sie sich in vielen Beziehungskonstellationen unterschiedlich entfalten kann. Denn häufig sind es nicht „die anderen“, die uns verletzen. Wir verursachen sie selber durch unsere eigenen Startegien und Handlungsmuster, die in Resonanz mit den Mustern anderer Menschen treten. Wir handeln aus unserer Sicht „richtig“, weil wir aus tief verankerten und uns vertrauten Strategien heraus agieren. Strategien, die sich einst bewährt haben, aber nicht immer mit dem Zusammenspiel anderer kompatibel sind.

Was soll das konkret bedeuten? Erleben wir immer wieder ähnliche, schmerzhafte Erfahrungen in unseren Beziehungen, lohnt sich ein Perspektivwechsel.

Weg von: „Die anderen sind immer schlecht zu mir.“

Hin zu Fragen wie:
„Wie gelingt es mir eigentlich immer wieder, diese Dynamiken herzustellen?“
„Was hat das mit mir und meinen Verhaltensweisen zu tun?“
„Und kann ich daran etwas verändern?“

Wie wir bereits auf der Unterseite ICH UND DIE ANDEREN erläutert haben, sind Bewertungen die wir im Außen vornehmen häufig unausgehandelte Themen von und mit uns selbst. Gleichzeitig beeinflussen wir Beziehungsdynamiken stets mit. Wer sich ausschließlich mit der Frage beschäftigt, wer die Schuld an gescheiterten Beziehungen trägt oder wer Gewinner oder Verlierer ist, raubt sich Entwicklungspotential und bricht nur schwer aus dem Gewohnten sowie aus seinen vertrauten Entscheidungs- und Handlungsmustern heraus.

Wenn du herausfinden möchtest, welche Entscheidungs- und Handlungsmuster du selbst in Beziehungen ausgeprägt hast, bietet dir das DEECIO-Analyseverfahren einen vertieften Einblick.

• Wie gelingt es mir eigentlich immer wieder, die gleichen Dynamiken herzustellen?

• Was gewinne ich durch die Wechselwirkung, die ich durch meine Muster auslöse?
• Was verliere ich dadurch?

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Grundlagen

Wer setzt sich mit seinen Mustern durch?

Wenn wir von Gewinnern und Verlierern in Beziehungen sprechen, können wir das oft nur im jeweiligen Augenblick tun. Die eigentliche Frage lautet daher weniger, wer gewonnen oder verloren hat, sondern vielmehr: Wessen Muster konnten sich in diesem Moment durchsetzen und wessen nicht?

Jeder Mensch hat durch vielfältige Einflüsse bestimmte Verhaltensmuster ausgebildet. Diese vertrauten Muster spiegeln sich im Stimmungs- und Bewertungsinstrument wider und man kann sie mit wenig Energie anwenden und umsetzen. Sie laufen gewissermaßen automatisch ab. Jede Anpassung an andere, ungewohnte Muster hingegen erfordert kognitive Ressourcen, Aufmerksamkeit und Energie. Wenn du bei dir zu Hause einen Kaffee machst, fällt dir das in der Regel leicht: Die Handgriffe greifen ineinander, ohne dass du groß darüber nachdenken musst. Bist du jedoch zu Besuch bei jemand anderem, ist es plötzlich eine ganz andere Sache. Manche Menschen fühlen sich dabei sogar so unbeholfen, fast wie ein Kind, das alltägliche Abläufe erst neu lernen muss. Dabei ist die Aufgabe objektiv betrachtet dieselbe.

In Beziehungen lässt sich genau dieses Phänomen ständig beobachten. Nach welchen Mustern wird hier gehandelt? Wer kann sich so verhalten, wie er es gewohnt ist, ohne große Anpassung und Umstellung? Und wer muss sich auf fremde, ungeübte Muster einstellen, regulieren und fortwährend Energie investieren?

Diese Fragen haben keinen objektiven Maßstab. Es gibt kein neutrales Gericht, das entscheidet, welche Seite „gewonnen“ oder „verloren“ hat. Du bewertest Beziehungsgeschehen immer durch dein eigenes Stimmungs- und Bewertungsinstrument, genauso wie dein Gegenüber. Deshalb lässt sich kaum eindeutig bestimmen, wessen Muster sich „durchgesetzt“ haben. Beide Seiten erleben und deuten dieselbe Dynamik auf ihre jeweils eigene Weise. Du siehst die Welt wie Du bist und nicht wie die Welt ist.

Die gesündeste Form des Miteinanders entsteht dort, wo keine Seite versucht, sich auf Kosten der anderen durchzusetzen. Dort, wo beide anerkennen: Jeder Mensch bringt eigene Muster und Interessen mit und möchte gesehen und gewürdigt werden. Fehlt diese wechselseitige Anerkennung, entsteht leicht ein lang anhaltender innerer Kampf: ein meist unbewusstes Ringen um Gerechtigkeit, Bedeutung und Wiedergutmachung. Wenn du dich dauerhaft als Opfer erlebst, verlierst du an innerer Beweglichkeit und riskierst, Kränkungen und Enttäuschungen festzuhalten, bis sie dein Erleben zunehmend bestimmen. Erlebst du dich dauerhaft als Gewinner, verlierst du ebenfalls an innerer Beweglichkeit und riskierst, die Beziehung als nicht mehr erfüllend zu bewerten oder dich ausgenutzt zu fühlen.

Neurobiologisch betrachtet ist dieses Ringen in jeder Beziehung angelegt. Bei jedem Kontakt stellt sich (oft unbewusst) die Frage, wer kann seine energetisch sparsamen Muster anwenden und wer muss sich diesen energieverbrauchend anpassen. Wenn du hingegen dauerhaft von deinen gewohnten Strategien abweichen musst, investierst du mehr Energie als andere. Beziehung kann sich dann für Dich anfühlen, so als ob jegliche Verantwortung für ein Funktionieren und Fortbestehen bei Dir liegt. Bei anhaltender Anpassung an fremde Muster werden diese Beziehungen sehr viel Energie kosten. Dann fühlst Du dich erschöpft, leer oder innerlich ausgelaugt und von anderen benutzt.

Salutogen wird dieses Spiel erst dort, wo beide Seiten bereit sind, immer wieder neu auszuhandeln, was sie jeweils als Gewinn oder Verlust erleben. Keine Seite sollte darauf warten, dass die andere endlich „ausgleicht“, was längst vergangen ist. Andernfalls können Kränkungen, Entwertungen oder unerfüllte Erwartungen über Jahre fortbestehen, selbst dann, wenn längst kein Kontakt mehr besteht. „Offene Rechnungen“ bleiben bestehen, weil der ersehnte innere Ausgleich noch aussteht.

Wer muss sich eigentlich an wen anpassen?

Nimm eine konkrete Beziehung, in der du dich nach Treffen erschöpft fühlst.

• Warum glaubst du fühlst du dich erschöpft?

Wo passt du dich an?
Woran genau? (Sprache, Haltung, Politische Überzeugungen, Nähe/Distanz, Konfliktstil, Werte, Humor, ...)

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Kommunikation und Konflikte in Beziehungen