Wenn das Leben sich wie eine Niederlage anfühlt
Ein Förderer - nennen wir ihn Christian - unserer Akademie berichtete von einer schmerzhaften Erfahrung: Im Rahmen eines Sorgerechtsstreits mit der Mutter seiner Tochter wurde er in der Verhandlung mit massiven Vorwürfen und Abwertungen konfrontiert, die seiner eigenen Wahrnehmung nach weder fair noch gerechtfertigt waren. Gleichzeitig kam es in seinem beruflichen Umfeld zu ähnlichen Dynamiken: Zwei Geschäftspartner, mit denen er lange vertrauensvoll zusammengearbeitet hatte, stellten ihn ebenfalls als den Schuldigen dar und verbreiteten, so schilderte er es, unwahre Geschichten im gemeinsamen Netzwerk.
Er fragte sich, ob er einen Anteil daran trug. So viele Menschen in seinem Umfeld, die nun ähnlich auf ihn reagierten und Unwahrheiten über ihn in die Welt setzten? Er habe doch stets das Gute für alle gewollt, eigene Interessen zurückgestellt und für andere mitgedacht! Das fühlte sich einfach nicht fair an. Trotz allem was er für Andere getan hat fühlte er sich nicht gewürdigt. Als der Böse. Der Verlierer. Nach all seinem Einsatz und seiner Opferbereitschaft stand am Ende vor allem eines: Enttäuschung und Einsamkeit.
Eine Kollegin aus unserem Team äußerte eine vorsichtige Vermutung. Christian hatte möglicherweise über viele Jahre hinweg etwas getan, das auf den ersten Blick sehr fürsorglich und wertschätzend wirkt: Er dachte für andere mit, übernahm Verantwortung, suchte nach Lösungen und versuchte Belastungen von ihnen fernzuhalten.
Doch genau darin könnte die Quelle der Spannungen gelegen haben. Denn wenn ein Mensch dauerhaft Verantwortung übernimmt, die eigentlich anderen gehört, entsteht ein Ungleichgewicht. Manche Menschen können das als Unterstützung und Entlastung erleben. Andere spüren mit der Zeit etwas völlig anderes: das Gefühl, nicht vollständig ernst genommen zu werden. Als würde ihnen unbewusst abgesprochen, ihre Herausforderungen selbst bewältigen zu können. Als wären sie nicht selbstständig oder erwachsen.
So können Beziehungen in eine Schieflage geraten. Die eine Seite trägt immer mehr Verantwortung, organisiert, vermittelt und denkt voraus. Die andere Seite übernimmt immer weniger oder kämpft zunehmend darum, wieder als eigenständig und kompetent wahrgenommen zu werden. Was ursprünglich aus Fürsorge entstanden ist, kann dann unbeabsichtigt Kränkungen, Widerstand oder den Wunsch nach Abgrenzung auslösen.
Natürlich wollte Christian anderen damit nicht schaden, nein vielmehr helfen! Die eigentliche Schwierigkeit liegt aber genau in diesem Verhaltensmuster: dass er anderen häufig mehr Verantwortung abnahm, als diese von ihm forderten.
Hinter einem solchen Verhalten können unterschiedliche Motive stehen. Manchmal geht es darum, Beziehungen zu sichern. Manchmal darum, Konflikte zu vermeiden oder Kontrolle über unsichere Situationen zu gewinnen. Mitunter entsteht daraus auch das Gefühl, gebraucht zu werden oder einen besonderen Wert für andere zu besitzen. Häufig wirken mehrere dieser Motive gleichzeitig.
Aus salutogener Perspektive lohnt sich deshalb die Frage, welche eigenen Grundbedürfnisse durch dieses Verhalten reguliert werden wollen. Denn wer dauerhaft Verantwortung übernimmt, die eigentlich anderen gehört, tut dies meist nicht zufällig. Oft handelt es sich um ein erlerntes Beziehungsmuster, das früher sinnvoll war, Sicherheit geschaffen hat oder dabei geholfen hat, wichtige Bedürfnisse zu erfüllen. Genau deshalb wird es später immer wieder aktiviert, selbst dann, wenn es inzwischen mehr Konflikte erzeugt als es löst.
Aus Sicht der ASBG kommt noch ein weiterer Gedanke hinzu: Beziehungen organisieren sich häufig über Ambivalenzen. Wenn eine Person dauerhaft einen Pol sehr stark besetzt, wird es für die andere Seite zunehmend schwieriger, denselben Pol ebenfalls zu vertreten. Übernimmt beispielsweise ein Mensch ständig Verantwortung, denkt voraus, organisiert und trägt Lasten für andere mit, muss die andere Seite schlicht weniger Verantwortung übernehmen. Manchmal verliert sie dadurch sogar den Zugang zu genau dieser Fähigkeit. Mehr zu dieser systemischen Ambivalenz-Balancierung kannst du auch unter ICH UND DIE ANDEREN finden.
Was ursprünglich als Unterstützung beginnt, kann so ungewollt eine Gegenbewegung erzeugen. Je stärker die eine Person Verantwortung übernimmt, desto stärker kann die andere in Abhängigkeit, Passivität oder Widerstand geraten. Nicht weil sie grundsätzlich unfähig wäre, sondern weil das gemeinsame System die Ambivalenz zunehmend einseitig organisiert.
Bevor du weiterliest, bleib nach dieser Geschichte kurz bei dir.
• In welchen Situationen in deinem Leben kennst du das Gefühl, „der Verlierer“ zu sein, obwohl du innerlich sicher warst, eigentlich „das Richtige“ getan zu haben?
• Welche Geschichte erzählst du dir dort über dich selbst und welche über die anderen?
• Was würden Menschen sagen, wodurch sie dich verletzt, übergangen oder bedroht haben?
• Wenn ein neutraler Beobachter euch als Beziehungssystem betrachten hätte, was würde er sagen, mit welchen Verhaltensweisen du an der Situation beigetragen hast?

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Vom Geben und vom Hoffen
Christian bat um eine Erklärung: „Warum passiert mir das? Was trage ich selbst dazu bei? Und wie kann ich vermeiden, dass es erneut geschieht?“
Eine berechtigte Frage. Denn die Konflikte, die wir mit anderen Menschen erleben, entstehen häufig nicht zufällig. Sie entspringen oftmals tief eingeübten Bewältigungsstrategien, die wir im Laufe unseres Lebens zur Sicherung unserer Grundbedürfnisse entwickelt haben. Gerade die Strategien, die uns früher geholfen haben, werden später oft zu dem, was wir als unsere größten Stärken betrachten. Und genau diese Stärken können – je nach Kontext – zu Fallstricken werden, welche sich ständig in Beziehungen wiederholen.
Im Fall von Christian zeigte sich dies auf besondere Weise. Einerseits übernahm er häufig Verantwortung für andere. Er dachte mit, suchte nach Lösungen, versuchte Belastungen zu reduzieren und Schwierigkeiten frühzeitig aufzufangen. Andererseits verfügte er über eine ausgeprägte Fähigkeit, Menschen für Ideen, Projekte und gemeinsame Visionen zu begeistern.
Christian konnte berührende Geschichten erzählen, neue Möglichkeiten sichtbar machen und Menschen emotional mitnehmen. Wer mit ihm sprach, fühlte sich häufig verstanden, gesehen und inspiriert. Seine Begeisterung erzeugte Resonanz. Menschen hatten das Gefühl, dass hier jemand ist, der nicht nur Probleme erkennt, sondern auch Wege aufzeigen kann. Genau in der Verbindung dieser beiden Eigenschaften könnte jedoch ebenfalls ein Teil der Dynamik gelegen haben.
Wer Verantwortung übernimmt und gleichzeitig Hoffnung vermittelt, wird für andere schnell zu einer bedeutsamen, aufgeladenen Figur. Menschen beginnen dann manchmal, mehr in eine Person hineinzulegen, als diese jemals erfüllen kann. Vielleicht ist er derjenige, der endlich versteht, was mich bewegt. Vielleicht ist er derjenige, mit dem endlich möglich wird, wonach ich mich schon so lange sehne. Vielleicht ist er derjenige, der die Dinge lösen kann, die ich selbst bisher nicht lösen konnte.
Dadurch entsteht leicht ein Ungleichgewicht. Die eine Person übernimmt immer mehr Verantwortung. Die andere verbindet immer mehr Hoffnung mit ihr. Was zunächst als Unterstützung und Verbundenheit erlebt wird, kann mit der Zeit in Abhängigkeit, Enttäuschung oder Kränkung umschlagen. Denn kein Mensch kann dauerhaft all die Erwartungen erfüllen, die andere unbewusst in ihn hineinlegen. Werden diese Hoffnungen enttäuscht, verändert sich häufig auch die Wahrnehmung der Beziehung. Aus dem Unterstützer wird plötzlich der Enttäuscher. Aus dem Hoffnungsträger der Schuldige.
Viele der Dynamiken, die wir später als „unerklärlich“ erleben, entstehen genau in solchen Entwicklungen. Nicht die Absichten eines Menschen allein bestimmen Beziehungsgeschehen, sondern die Bedeutungen, Hoffnungen und Erwartungen, die zwischen Menschen entstehen und häufig unausgesprochen bleiben.
Viele Menschen erleben solche Enttäuschungen nicht nur einmal. Die eigentliche Schwierigkeit beginnt oft erst danach. Denn Beziehungen enden nicht automatisch in dem Moment, in dem der Kontakt abbricht. Häufig bleiben Verletzungen, Kränkungen und unerfüllte Erwartungen bestehen. Wie ein schmerzhafter Stachel, der zurückbleibt. Solange dieser Stachel nicht betrachtet, verstanden und verarbeitet wird, richtet das Stimmungs- und Bewertungsinstrument seine Aufmerksamkeit immer wieder auf ähnliche Reize aus. Es sucht unwillkürlich nach vergleichbaren Menschen, ähnlichen Dynamiken und vertrauten Beziehungskonstellationen. Fast so, als würde das System versuchen, die alte Verletzung doch noch zu verstehen, zu lösen oder die empfundene Ungerechtigkeit endlich zurechtzurücken. Menschen, denen es nicht gelingt, diese schmerzhaften Stacheln aus dem Gedächtnis zu ziehen, laufen Gefahr, ähnliche Beziehungserfahrungen immer wieder zu machen. Wie eine Wunde, die sich durch ständiges Aufkratzen nicht schließen kann und zunehmend entzündet. Was zunächst wie Pech oder Zufall erscheint, ist häufig Ausdruck derselben Muster, die sich immer wieder reproduzieren.
Gleichzeitig wäre es zu einfach, diese Dynamik allein Christian zuzuschreiben. Beziehungsdynamiken entstehen zwischen Menschen. Auch die andere Seite bringt eigene Hoffnungen, Sehnsüchte, Ängste und Beziehungsmuster mit.
Nicht jeder Mensch reagiert auf Fürsorge, Verantwortungsübernahme oder Begeisterungsfähigkeit auf dieselbe Weise. Manche Menschen nehmen Unterstützung dankbar an und bleiben gleichzeitig selbstbestimmt. Andere geraten leichter in die Hoffnung, dass jemand ihre Probleme lösen, Orientierung geben oder Verantwortung mittragen könnte.
Dadurch entstehen häufig Muster, die sich gegenseitig stabilisieren. Wer dazu neigt, Verantwortung zu übernehmen, trifft nicht selten auf Menschen, denen es schwerfällt, Verantwortung vollständig bei sich zu behalten. Wer Hoffnung vermittelt, begegnet Menschen, die sich nach Hoffnung sehnen. Wer trägt, trifft häufig auf Menschen, die sich entlasten möchten. Aus ASBG Sicht entsteht die Dynamik deshalb nicht durch eine einzelne Person, sondern durch das Zusammenspiel beider Seiten. Beide tragen ihren Anteil dazu bei, dass sich das Muster stabilisiert und irgendwann kippt. Beide halten es aufrecht. Und beide leiden häufig unter den Folgen.
Darin liegt auch eine der tragischsten Seiten vieler Beziehungen: Dass Menschen mit guten Absichten aufeinandertreffen und dennoch gemeinsam Dynamiken erzeugen, die am Ende für beide schmerzhaft werden - und es auch für lange Zeit bleiben.
Viele Menschen sagen: „Ich habe so viel gegeben.“
Bleib kurz bei diesem Satz und werde konkret.
• Was genau hast du gegeben? (Zeit, Geld, Fürsorge, Loyalität, Geduld, Verständnis, Verzicht, Präsenz, ...)
• Was hast du dabei gehofft, zurückzubekommen?
• Hast du dieses Bedürfnis ausgesprochen?
Wenn dein Gegenüber dein Geben erlebt hat:
• Wie hat es sich für ihn/sie angefühlt? (Wie Liebe, wie Druck, wie Erwartung oder wie Kontrolle?
• Was könnte es in Beziehungen auslösen, wenn jemand sehr viel gibt, sehr viel trägt, sehr viel „mitdenkt“ und das Gegenüber spürt: „Ich kann das nie zurückzahlen“?

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Perspektive, muster und wiederholung
Muster wiederholen sich oft jenseits unserer bewussten Kontrolle. Manchmal hilft es, sie erst einmal zu sehen.
• Welche Muster begegnen mir in meinen Beziehungen immer wieder?
• Wo tauchen ähnliche Dynamiken auf, trotz unterschiedlicher Menschen, Kontexte oder Lebensphasen?
Ein Beispiel, nicht generalisierbar.
Natürlich ist diese Geschichte nur ein Beispiel. Sie erklärt keine Wahrheit und erhebt auch keinen Anspruch darauf. Genauso denkbar wäre es, dieselben Ereignisse aus der Perspektive der Geschäftspartner von Christian, seiner ehemaligen Partnerin oder anderer Beteiligter zu betrachten. Wahrscheinlich würden dabei ganz andere Geschichten entstehen.
Genau darin liegt ein wichtiger Punkt: Beziehungsgeschichten entstehen niemals aus der Perspektive nur eines Menschen. Jeder bringt seine eigene Geschichte, seine eigenen Verletzungen, Hoffnungen, Bewertungen und Handlungsmuster mit. Was für den einen wie Fürsorge wirkt, kann für den anderen Kontrolle bedeuten. Was der eine als Unterstützung erlebt, fühlt sich für den anderen vielleicht wie Bevormundung an.
Deshalb geht es bei diesem Beispiel nicht darum, herauszufinden, wer recht hatte oder wer die Schuld trägt. Die interessantere Frage lautet: "Warum wiederholen sich bestimmte Beziehungsdynamiken immer wieder?" Wenn wir ähnliche Enttäuschungen, Konflikte oder Verletzungen in unterschiedlichen Beziehungen erleben, lohnt sich irgendwann ein Perspektivwechsel.
Weg von:
„Warum begegnen mir immer wieder solche Menschen?“
Hin zu Fragen wie:
„Wie gelingt es mir eigentlich immer wieder, in ähnliche Dynamiken zu geraten?“
„Welche Muster bringe ich selbst in Beziehungen ein?“
„Welche Reaktionen löse ich bei anderen aus?“
„Und was könnte ich daran verändern?“
Wie wir bereits auf den Seiten ICH und ICH & DIE ANDEREN beschrieben haben, entstehen viele unserer Bewertungen nicht ausschließlich im Außen. Häufig berühren andere Menschen Themen, die bereits in uns angelegt sind. Gleichzeitig beeinflussen wir jede Beziehung durch unser eigenes Verhalten mit. Wir sind niemals nur Beobachter. Wir sind immer auch Mitgestalter.
Wer sich deshalb ausschließlich mit der Frage beschäftigt, wer Gewinner und wer Verlierer ist, wer Recht hatte oder wer die eigentliche Schuld trägt, verliert häufig den Blick auf die eigentliche Entwicklungsmöglichkeit. Denn Veränderung beginnt meist dort, wo wir nicht länger nur die Muster der anderen betrachten, sondern besonders unsere eigenen erkennen lernen.
• Wie gelingt es mir eigentlich immer wieder, die gleichen Dynamiken herzustellen?
• Was gewinne ich durch die Wechselwirkung, die ich durch meine Muster bei anderen auslöse?
• Was verliere ich dadurch?

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Wer setzt sich mit seinen Mustern durch?
Wenn wir von Gewinnern und Verlierern in Beziehungen sprechen, geht es nicht darum, wer objektiv Recht hat oder wer moralisch überlegen ist. Die spannendere Frage lautet eigentlich: Wer setzt sich mit seinen Mustern durch?
Jeder Mensch entwickelt im Laufe seines Lebens vertraute Verhaltensmuster. Sie spiegeln sich im Stimmungs- und Bewertungsinstrument wider und können meist mit wenig Energie eingesetzt werden. Diese Handlungen laufen gewissermaßen automatisch ab.
Man könnte es mit einer alltäglichen Situation vergleichen: Wenn du in deiner eigenen Küche einen Kaffee zubereitest, greifen die Handgriffe nahezu von selbst ineinander. Du weißt, wo alles steht. Du musst kaum nachdenken. Befindest Du dich dagegen in einer fremden Küche, benötigst Du deutlich mehr Aufmerksamkeit. Du musst plötzlich nach Tassen suchen, nach dem Kaffee, nach dem Wasserkocher. Die Aufgabe ist dieselbe, der Energieaufwand jedoch ein anderer. Wo man zuhause schnell nach ein paar routinierten Handgriffen fertig ist, könnte man sich in einem fremden Haushalt schnell hilflos und überfragt fühlen. Oftmals greift die dort lebende Person dann ein und erledigt die Aufgabe kurzerhand selbst.
Genau dieses Phänomen lässt sich auch in Beziehungen beobachten. Nach welchen Mustern wird hier gehandelt? In welchem metaphorischen Haushalt leben wir gemeinsam? Wer kann sich so verhalten, wie er es gewohnt ist, ohne große Anpassung und Umstellung? Und wer muss sich auf fremde, ungeübte Muster einstellen, regulieren und fortwährend Energie investieren?
In Beziehungen könnte sich das beispielsweise so zeigen: Eine Person hat ein starkes Bedürfnis nach Nähe, Austausch und gemeinsamer Zeit. Sie möchte viel sprechen, Konflikte gemeinsam lösen und emotionale Verbundenheit herstellen. Die andere Person fühlt sich ebenfalls verbunden, benötigt jedoch deutlich mehr Autonomie, Rückzug und Zeit für sich. (vgl. ICH UND DIE ANDEREN)
Nun beginnt häufig ein stiller Aushandlungsprozess. Die Person mit dem größeren Nähebedürfnis wünscht sich häufigere Treffen, mehr Austausch oder engere Abstimmung. Tägliche Anrufe folgen. Aus einem festen wöchentlichen Treffen entsteht der Wunsch nach zwei oder drei Treffen. Rückzug wird zunehmend hinterfragt. Es wird argumentiert, dass der Rückzug ein Ausdruck von Desinteresse sei: Würde man die andere Person wirklich lieben würde man doch ständig Zeit mit ihr verbringen wollen?!
Die andere Person steht nun vor einer Herausforderung. Sie möchte die Beziehung erhalten und dem Gegenüber gerecht werden. Gleichzeitig benötigt sie weiterhin ihre Freiräume. Deshalb beginnt sie, sich schrittweise anzupassen. Sie verbringt mehr Zeit miteinander, als ihr eigentlich guttut. Sie verzichtet auf Rückzug, obwohl sie ihn benötigt. Sie ignoriert erste Signale von Erschöpfung und Energieverlust, um die Beziehung nicht zu gefährden.
Solange beide Seiten ihre Bedürfnisse wahrnehmen und miteinander aushandeln, entsteht meist kein größeres Problem. Schwierig wird es dort, wo die Muster und Bedürfnisse einer Seite dauerhaft mehr Raum erhalten als die der anderen. Dann gerät die Beziehung aus dem Gleichgewicht. Die Bedürfnisse einer Person werden zunehmend erfüllt, während die der anderen immer häufiger zurückgestellt werden.
Für Außenstehende wirkt diese Anpassung häufig wie Liebe, Rücksichtnahme oder besondere Kompromissbereitschaft. Diese einseitige Anpassung hat aber einen erheblichen Preis, der sich meist erst langfristig zeigt. Im gemeinsamen System entsteht ein wachsender Energieverlust einer Partei und ein Ungleichgewicht der Ambivalenzpole. Frustration, Erschöpfung oder Widerstand beginnen sich aufzubauen, obwohl beide Menschen eigentlich das Beste für die Beziehung wollen. Mehr noch: Trotz aller Bemühungen und Anpassungsleistungen entsteht auf beiden Seiten häufig das Gefühl, dass der Partner einem irgendwie nicht gerecht wird.
Neurobiologisch betrachtet ist dieses Ringen in jeder Beziehung angelegt. Bei jedem Kontakt stellt sich, meist unbewusst, die Frage: Wer kann seine energetisch sparsamen Muster anwenden und wer muss sich den Mustern der Anderen energieaufwendig anpassen? Wenn du dauerhaft von deinen gewohnten Strategien abweichen musst, investierst du mehr Energie als andere. Beziehung kann sich dann so anfühlen, als läge die Verantwortung für das Gelingen des Kontakts hauptsächlich bei dir.
Bei anhaltender Anpassung an fremde Muster werden Beziehungen deshalb oft sehr teuer. Nicht finanziell, sondern energetisch. Du fühlst dich erschöpft, leer oder innerlich ausgelaugt. Manchmal entsteht sogar das Gefühl, benutzt, nicht ausreichend gesehen oder für selbstverständlich gehalten zu werden.
Genau an diesem Punkt entstehen häufig die Dynamiken, die wir als Gewinner und Verlierer beschreiben. Gewinner aus energetischer Sicht ist zunächst derjenige, dessen Muster sich durchsetzen können. Verlierer ist häufig die Person, die dauerhaft Anpassungsleistungen erbringen muss. Tragisch daran ist: Beide erleben sich oft gleichzeitig als Verlierer.
Die gesündeste Form des Miteinanders entsteht dort, wo beide Seiten immer wieder neu aushandeln, welche Bedürfnisse, Interessen und Muster Raum bekommen sollen. Dort, wo weder Nähe noch Distanz, oder eine andere Ambivalenzachse einseitig bespielt wird. Beziehungen werden salutogen, wenn beide Menschen bereit sind, die eigenen Muster zu erkennen, die Muster des Gegenübers zu würdigen und Verantwortung für die gemeinsame Ambivalenz-Balancierung zu übernehmen.
Nimm eine konkrete Beziehung, in der du dich nach Treffen erschöpft fühlst.
• Warum glaubst du fühlst du dich erschöpft?
• Wer muss sich eigentlich an wen anpassen?
• Wo passt du dich an?
• Woran genau? (Sprache, Haltung, Politische Überzeugungen, Ambivalenzen, Konfliktstil, Werte, Humor, ...)

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Es war einmal ein kleines Mädchen, das in seinem Zimmer eine Maus hatte. Diese Maus war nicht irgendein Tier. Sie war ihr bester Freund. Jeden Tag spielten die beiden miteinander, teilten Geheimnisse und lachten. Das Mädchen liebte die Maus von ganzem Herzen.
Eines Tages kam ihr ein Gedanke: „Meine kleine Maus soll auch einmal die große, weite Welt sehen!“ Also steckte sie den winzigen Freund behutsam in die Tasche ihrer Kittelschürze und machte sich auf den Weg hinaus.
Zuerst war alles wunderbar. Die Sonne schien, die Vögel sangen, und das Mädchen fühlte sich glücklich. Doch nach einigen Straßen sah sie plötzlich eine Katze. Eine schlanke, geschmeidige Katze mit funkelnden Augen. In diesem Moment schoss ihr ein furchtbarer Gedanke durch den Kopf: „Katzen fressen Mäuse!“ Die Angst packte sie. Ihr Herz begann zu rasen, ihre Beine liefen schneller und schneller. Doch je schneller sie rannte, desto größer schien die Katze zu werden – bis sie fast so groß war wie ein Tiger! Panik überflutete das Mädchen. Sie wusste nicht mehr, was sie tun sollte.
Da hörte sie eine leise, piepsige Stimme aus ihrer Tasche. Es war die Maus. Ganz ruhig flüsterte sie: „Bleib stehen. Dreh dich um. Schau ihr in die Augen. Dann wird sie wieder klein.“
Das Mädchen hielt inne, atmete tief durch und drehte sich um. Zuerst sah sie den riesigen Tiger, dann die Katze - und schließlich, als sie ihr fest in die Augen blickte, wurde das Tier kleiner und kleiner, bis es wieder eine gewöhnliche Katze war. Mit einem letzten Blick schlich sie davon.
Das Mädchen lächelte erleichtert. Sie nahm ihre Maus aus der Tasche, streichelte sie sanft und ging weiter, mutiger als je zuvor. Denn sie hatte gelernt: Angst wird größer, wenn man vor ihr davonläuft. Aber wenn man ihr ins Gesicht sieht, schrumpft sie.