
Viele Menschen versuchen, sich über Einsicht, Disziplin und „richtiges Denken“ zu verändern. Und viele sind dann frustriert, weil es einfach nicht gelingen will. Ein zentraler Grund liegt oft nicht in mangelnder Intelligenz oder mangelnder Motivation, sondern in einem realen Energie- und Aufmerksamkeitsproblem.
Unsere Aufmerksamkeit ist begrenzt. Unsere Regulationsfähigkeit ist begrenzt. Und beides hängt stark davon ab, wie viele Ressourcen gerade verfügbar sind. Das führt zu einem alltäglichen Phänomen: Wir wissen, was sinnvoll wäre - und handeln dennoch anders. Das passiert nicht, weil wir "zu schwach" sind, sondern weil unser System unter Belastung auf andere Steuerungslogiken umstellt.
Hinweis: Diese Unterseite hängt eng mit den Seiten „Stimmungs- und Bewertungsinstrument (SBI)“, „Die ersten 1000 Tage“ und "Die Grundbedürfnisse" zusammen. Wenn Sie verstehen möchten, worauf Ihr System seine Aufmerksamkeit richtet und welche Bedeutungen es dabei vergibt, finden Sie dazu die Grundlagen beim SBI oder bei den Grundbedürfnissen. Wenn Sie die entwicklungspsychologische Perspektive interessiert, also wie sich Ihre typischen Muster und „Sparprogramme“ in der Kindheit früh geprägt haben, lohnt sich der Blick auf die ersten 1000 Tage.
...warum Aufmerksamkeit selektiv und begrenzt ist
...warum Energieknappheit zu Fehlern, Automatismen und Erschöpfung führt
...wie sich unterschiedliche Foki auf unsere Wahrnehmung auswirken.
Energie als begrenzte Ressource
Lebende Systeme (wie bspw. der Mensch eines ist) sind energetisch nicht grenzenlos. Sie müssen ihren Organismus stabil halten, sich an wechselnde Bedingungen anpassen, Konflikte regulieren, Beziehungen gestalten und Entscheidungen treffen. All das kostet Energie. Der Mensch bildet hier keine Ausnahme - auch wenn wir uns selbst und andere gelegentlich so behandeln, als stünden uns unbegrenzte Ressourcen zur Verfügung.
Deshalb trägt jeder Mensch einen eingebauten Mechanismus in sich, der fortlaufend (meist unbewusst) prüft:
Wie viel Energie ist gerade verfügbar und wofür sollte sie eingesetzt werden?
Das ist keine philosophische, spirituelle oder alternative Annahme, sondern neurobiologischer Konsens und schlichte Überlebenslogik. Systeme, die dauerhaft mehr Energie verbrauchen als sie regenerieren können, werden instabil. Sie verlieren an Anpassungsfähigkeit, Fehlertoleranz und Regulationskraft: körperlich, emotional und kognitiv.
Wer unter hoher Belastung steht, wenig regeneriert oder dauerhaft innere Spannung hält, hat weniger Energie zur Verfügung - und das ganz unabhängig von Einsicht, Intelligenz oder gutem Willen. Genau an dieser Stelle beginnt das Energieproblem: Energie ist kein freies Gut, sondern eine begrenzte Ressource, die unter ökonomischen Bedingungen verteilt wird.
Das heißt im Klartext: Nicht jede "Schwäche" ist ein Charakterproblem. Nicht jede Blockade ist ein Motivationsdefizit. Viele Schwierigkeiten sind Ressourcenprobleme.
Aufmerksamkeit ist wie eine Taschenlampe
Stellen Sie sich vor, Sie befinden sich in einem abgedunkelten Raum und halten eine Taschenlampe in der Hand. Der Lichtkegel leuchtet immer nur einen begrenzten Ausschnitt aus. Was innerhalb dieses Kegels liegt, wird sichtbar, greifbar und bedeutsam. Alles außerhalb bleibt im Dunkeln.
Genau so funktioniert menschliche Aufmerksamkeit. Wir können nicht alles gleichzeitig wahrnehmen, verarbeiten oder berücksichtigen. Aufmerksamkeit ist selektiv. Sie richtet sich immer auf einen begrenzten Bereich der Wirklichkeit und blendet anderes aus. Dieser Mechanismus ist hoch individuell und eine notwendige Anpassungsleistung eines Systems mit begrenzter Energie.
Jeder Mensch hält seine Taschenlampe auf etwas anderes gerichtet. Oft sind es jene Bereiche, die vertraut sind, Sicherheit geben oder Orientierung versprechen. Dort fühlt sich das Nervensystem ruhiger, der Energieverbrauch bleibt niedriger und das System erlebt sich als kontrollierbar. Andere Bereiche bleiben im Dunkeln.
So kann es passieren, dass zwei Menschen im selben „Raum“ stehen, aber völlig unterschiedliche Dinge sehen: Der eine richtet seinen Fokus auf Risiken, Fehler oder mögliche Bedrohungen. Der andere nimmt Chancen, Zusammenhänge oder Beziehungen wahr. Beide erleben ihre Sichtweise als plausibel und wundern sich über die Blindheit des jeweils anderen.
Manche Menschen nutzen ihre Taschenlampe sehr flexibel. Sie können den Lichtkegel bewegen, neue Ausschnitte erkunden, Perspektiven wechseln. Das wirkt oft neugierig, lernfähig und lebendig. Andere halten den Lichtkegel sehr stabil auf einen bekannten Bereich gerichtet. Häufig deshalb, weil genau das energiesparend ist und subjektiv Sicherheit vermittelt.
Wichtig ist dabei: Diese Selektivität ist nicht primär eine bewusste Entscheidung. Sie folgt selten der Frage „Was wäre objektiv wichtig?“, sondern vielmehr der Frage:
Wo verbrauche ich gerade am wenigsten Energie und fühle mich gleichzeitig ausreichend sicher?
Damit wird verständlich, warum Aufmerksamkeit so hartnäckig „kleben“ bleiben kann, sogar selbst dann, wenn wir rational wissen, dass es sinnvoll wäre, woanders hinzuschauen.
An dieser Stelle berührt sich dieses Thema direkt mit dem Stimmungs- und Bewertungsinstrument (SBI): Das SBI entscheidet, welche Bereiche initial Bedeutung bekommen und diese Bedeutungszuschreibung lenkt den Lichtkegel der Aufmerksamkeit auf Reize in unserer Umwelt. Die Energiefrage entscheidet anschließend, wie beweglich dieser Lichtkegel überhaupt sein kann. Wenn Sie verstehen möchten, warum Ihr Fokus immer wieder an bestimmten Themen, Personen oder inneren Bildern hängen bleibt, finden Sie dort die vertiefende Perspektive.
Wenn sie genau herausfinden möchten wie genau ihre individuellen Aufmerksamkeitszuschreibungen und Muster aussehen geht es hier zu unserem DEECIO-Messinstrument.
Warum wir manchmal brillant sind
Viele Menschen kennen dieses Phänomen sehr gut: Es gibt Tage, da sind wir klar, wach, geduldig, kreativ. Wir können Zusammenhänge erfassen, Entscheidungen treffen, flexibel reagieren. Und es gibt andere Tage, oder manchmal auch nur Stunden später, an denen genau dieselben Aufgaben schwer, zäh oder nahezu unmöglich erscheinen. Wir fühlen uns verlangsamt, gereizt, fahrig oder innerlich wie „abgeschnitten“.
Dieser Wechsel hat nur selten mit fehlender Kompetenz oder mangelnder Motivation zu tun. Viel häufiger liegt er in einem unterschiedlichen energetischen Betriebsmodus unseres Systems begründet.
Eine zentrale Rolle spielt dabei das Frontalhirn, genauer gesagt der präfrontale Cortex. Ihm werden jene Fähigkeiten zugeordnet, die wir meist mit „Erwachsensein“ verbinden: vorausschauendes Denken, Impulskontrolle, Perspektivwechsel, Problemlösen, Planung, Selbststeuerung. In der ASBG sprechen wir hier auch von exekutiven Metakompetenzen.
Das Entscheidende:
Diese Funktionen sind äußerst leistungsfähig - aber sie sind energetisch teuer.
Das Frontalhirn lässt sich nicht dauerhaft „auf Anschlag“ betreiben. Es kann nur dann stabil arbeiten, wenn ausreichend innere Ressourcen verfügbar sind. Sobald Energie knapp wird, fährt das System diese Funktionen zurück.
Im Alltag erleben wir deshalb zwei sehr unterschiedliche Zustände: Wenn ausreichend Energie verfügbar ist, erleben wir uns als innerlich weit, flexibel und handlungsfähig. Wir können unsere Aufmerksamkeit bewusst steuern, verschiedene Optionen abwägen und unsere Impulse regulieren. Der Fokus ist weiter, die Wahrnehmung differenzierter. Sinkt die verfügbare Energie, wird der Fokus enger. Entscheidungen fühlen sich schwer an, Lernen wird mühsam, Reaktionen werden schneller und emotionaler. Das System greift stärker auf automatische Routinen zurück, die weniger Energie verbrauchen, aber auch weniger Anpassungsfähigkeit bieten.
Viele beschreiben diesen Zustand mit Sätzen wie: „Ich stehe neben mir.“ „Es wird alles so schwer.“ „Ich funktioniere nur noch.“ „Ich erkenne mich selbst nicht wieder.“
Wichtig ist: Das ist kein persönliches Versagen. Es ist ein Energiesparmodus.
Genau hier entsteht auch die Verbindung zu den ersten 1000 Tagen:
Welche Routinen, welche automatischen Muster bei Energiemangel anspringen, hängt stark davon ab, was früh im Leben gelernt wurde, also davon, was damals am besten funktioniert hat, um Sicherheit, Bindung oder Orientierung herzustellen.
Und hier schließt sich der Kreis zur Aufmerksamkeit:
Aufmerksamkeit ist der Lichtkegel. Energie ist die Batterie, die entscheidet, wie hell dieser Kegel ist, wie lange er hält – und wie fein er sich bewegen lässt.
Viel Energie → breiter Fokus, mehr Spielraum, mehr Selbststeuerung
Wenig Energie → enger Fokus, mehr Automatismen, weniger Flexibilität
Viele Menschen verurteilen sich selbst genau in jenen Momenten als "unfähig" oder "unlogisch" - dabei läuft ihr System schlicht im Sparbetrieb. Sie machen daraus ein Charakterurteil, obwohl es in Wirklichkeit um eine vorübergehende energetische Einschränkung geht.
An dieser Stelle wird auch verständlich, warum einfache Appelle wie „Reiß dich zusammen“ oder „Du musst nur wollen“ und "Kämpfer ziehen durch!" oft ins Leere laufen und im schlimmsten Fall zusätzlichen Druck und Abwertung erzeugen. Denn genau dieser Druck verbraucht wiederum Energie, die eigentlich für Regulation gebraucht würde.
Persönliches Fallbeispiel von Dr. Klaus-Dieter Dohne
Über das Golfen und warum plötzlich die Kompetenz fehlt
Vor vielen Jahren wollte meine Frau die Platzreifeprüfung im Golf Sport machen und war eine Woche im Training, um dann am Samstag die Prüfung machen zu können. Ich bin an dem Tag der Prüfung mit zum Golfplatz gefahren und wollte für mich auf der Driving Range einige Bälle schlagen, um wieder langsam ein Gefühl für den Golfschwung zu bekommen.
Als der Golflehrer mich sah, sagte er ich solle mit auf den Platz kommen, wenn er meiner Frau die Prüfung abnimmt. Ich habe mich noch dagegen gewehrt, weil ich mich unsicher fühlte und wollte eigentlich für mich sein und keine Beobachter dabeihaben, die womöglich noch bewerten, ob ich es gut oder schlecht machen würde. Ich war leider zu nachgiebig und habe dem Drängen des Golflehrers nicht widerstanden und bin dann mitgegangen.
Für diese mangelnde Abgrenzung meinerseits sollte ich gleich die „Belohnung“ erhalten. Auf dem Weg zum ersten Abschlag stichelte der Golflehrer: "Wollen wir doch mal sehen ob deine Frau nach der einen Woche nicht besser spielt als du nach 5 Jahren". Als wir dann am Abschlag angekommen waren, packte ich meine Sachen aus und bereitete mich vor. Mich beschlich schon von Beginn an ein ungutes Gefühl gepaart mit Angst versagen zu können. Gerade weil ich länger nicht gespielt habe und keine Übung hatte.
Mittlerweile waren noch andere Spieler am Abschlag angekommen, die ebenfalls abschlagen wollten. Mein inneres Druckempfinden nahm weiter zu, weil mein Scheitern von noch mehr Personen miterlebt werden würde. Meine alte gelernte Bewältigungsstrategie war gleich zurück, fliehen ging nicht mehr (noch peinlicher) um mich so vor dem drohenden Gesichtsverlust zu schützen. Mein altes schnelles Muster aktivierte sofort alles Wissen in meinem Kopf, was ich jemals über den perfekten Golfschwung gehört habe, um es jetzt einfach genauso anzuwenden. Heute eine todsichere Scheiterstrategie! Angewandt bedeutet das nämlich, dass man motorisch völlig verkrampft und steif in allen Systemen wird.
Der erste Schlag wurde dann folgerichtig mit zu viel Kraft und Anspannung durchgeführt, so dass der Ball nicht getroffen wurde. Wo ich mich früher mit Kraft und erhöhter Spannung beim Mannschaftssport noch halbwegs durchsetzen konnte, versagte die Strategie beim Golf komplett. Dabei bedarf es vielmehr geschmeidige Regulation und Balance, keine einseitige Anspannung.
Der zweite Schlag ging in die angrenzende Wiese. Mein innerer Dialog hatte sich nach dem ersten Fehlschlag weiter verdunkelt. Selbstabwertungen und Beschimpfungen wie: "Reiß Dich jetzt mal zusammen, das kann doch nicht so schwer sein" über "Du Versager!", dominierte Scham und Minderwertigkeit. Ein bewährtes Schutzmuster anderen die Schuld zu geben, sie anzuklagen und zu beschimpfen konnte grad noch gestoppt werden. Sonst hätte ich vermutlich dem Golflehrer die Schuld gegeben, weil er schließlich so insistiert hatte.
Der dritte Ball ging dann wenigstens auf die Bahn, jedoch nur bis zum Damenabschlag. "Jetzt lass erst mal deine Frau schlagen", erlöste mich der Golf Lehrer. Ich packte meine Sachen ein und ging zum Damenabschlag mit innerem Chaos in meinem Erleben und finsterem Gesichtsausdruck. Ein beobachtender anderer Spieler rief mir noch hinterher, ich solle wenigstens freundlich gucken. Das fehlte mir noch zu meinem Glück. Den hätte ich mir gern vorgeknöpft und maß genommen, blöder Kerl!
Nach dem ersten Schlag meiner Frau sagte der Golflehrer zu mir: "Hast du das gesehen, so macht man das!". Auf der Bahn schaute der Golflehrer dann nur mir auf die Finger, so dass es nicht besser wurde mit meiner defizitären Haltung. Plötzlich fragte er mich, warum machst du denn da eigentlich immer deine rechte Schulter so komisch nach vorn beim Golfschwung? Mittlerweile war jegliche Frustrationstoleranz in mir abhandengekommen, so dass ich ihm zurief, dass ich eben ein lernunfähiges Subjekt bin, das nichts kann. Später fiel mir ein, dass das genau die Worte meines Vaters früher waren, wenn ich die Tischlerarbeiten, die er mir bereits als Kind in seiner Werkstatt übertragen hatte, nicht zu seiner vollsten Zufriedenheit ausgeführt hatte.
Daraufhin kam der Golflehrer auf mich zu, der ein Einsehen mit mir hatte und meinte, dass ich kein lernunfähiges Subjekt bin oder anderes Böses. Du machst das, weil es dir Sicherheit gibt. Dieses Bewegungsmuster ist ein Bestandteil deines früheren Absicherungs- und Schutzverhalten, wenn es bedrohlich für Dich wurde und nicht, weil Du falsch bist. Diese sehr angenehme und wohlwollende Erklärung führte dazu, dass mir etwas leichter um das Herz wurde. Es ist etwas anderes, wenn man Fehler macht und versagt, ob man dass aus Sicherungsgründen macht und nicht weil man falsch, dumm oder blöd ist. Die in mir einsetzende Entspannung führte dazu, dass meine Schläge etwas runder wurden und es mehr, wie ein Golfschwung aussah.
In der Nachreflektion wurde mir bewusst, wie Alltagshypnose unsere Haltung und den Abruf unserer Kompetenzen beeinflusst. Zunächst waren da Worte wie Prüfung, Platzreife, Lehrer etc. die mit Bedeutung von meinem SBI gefüllt wurden. Meine Schulzeit hatte Phasen, die nicht angenehm waren, in denen ich Beschämungen und Abwertungen von Lehrern vor der Klasse ausgesetzt war. Daran sind dann auch die unangenehmen Empfindungen und die schmerzhaften Gefühle gebunden, die durch diese Bedeutungsgebungen meines SBI blitzartig in mir reaktiviert wurden, so dass mein altes Schutzmuster zum Vorschein kam, welches aber in dem Moment völlig hinderlich war und nicht zur Herausforderung eines komplexen Golfschwunges diente.
Der Fokus meiner Aufmerksamkeit wurde von alten Ängsten bestimmt, so dass meine Kompetenzen nicht ausgeleuchtet wurden, sondern im Dunklen lagen, so dass ich sie nicht wahrnehmen konnte. Das ist ein schönes Beispiel dafür, dass die begrenzte Aufmerksamkeit und der umgeleitete Energiefluss nur Problem-Erleben statt Lösungs-Erleben möglich machte. Sind wir aus diesen Situationen mit dem defizitären Erleben heraus, sieht die Welt schon wieder rosiger aus, so dass uns die Dinge wieder leichter von der Hand gehen. Dann kommen in unsere Aufmerksamkeit auch wieder Fähigkeiten, Kompetenzen und Empfindungen, die von Vertrauen, Selbstwirksamkeit und Freude am Tun dominiert werden.
Was hier sichtbar wird, ist das Zusammenspiel von:
• Aufmerksamkeitsverengung (Tunnelblick auf Bewertung/Fehler),
• Energiebindung (Scham und Alarm fressen Ressourcen),
• Frontalhirn-Instabilität (die „erwachsene“ Steuerung wird kürzer),
• Rückgriff auf alte Muster (innerer Druck statt geschmeidiger Regulation).
Warum wir manchmal nur noch Tunnel sehen
Ein enger Fokus ist kein Fehler. Er ist eine hochfunktionale Anpassung.
Wenn es schnell gehen muss, wenn Gefahr droht, wenn klare Handlung gefragt ist, verengt sich unsere Aufmerksamkeit automatisch. Der Lichtkegel wird kleiner, unwichtige Informationen werden ausgeblendet, das System priorisiert Geschwindigkeit und Sicherheit.
Ein enger Fokus bedeutet:
• reduzierte Wahrnehmung von Alternativen
• erhöhte Bewertungstendenzen
• geringere Ambivalenztoleranz
• stärkere Orientierung an bekannten Mustern
In diesem Zustand will das System vor allem eines: Ordnung herstellen. Schnell. Eindeutig. Möglichst ohne zusätzlichen Energieaufwand. Genau deshalb entstehen hier so häufig Missverständnisse in Beziehungen, Eskalationen in Konflikten oder rigide Überzeugungen. Menschen sind nicht generell „stur“, sondern bestimmte Menschen haben in ihrem System gerade keinen Spielraum mehr für Alternativen.
Der weite Fokus funktioniert nach einer anderen Logik.
Hier können Zusammenhänge gesehen, Kontexte berücksichtigt und Widersprüche ausgehalten werden. Ambivalenzen dürfen nebeneinander existieren. Kreativität, Lernen und echte Perspektivwechsel werden möglich.
Doch auch dieser Zustand hat seinen Preis: Ein weiter Fokus verbraucht deutlich mehr Energie. Entscheidungen dauern länger. Eindeutigkeit geht verloren. Für manche Menschen fühlt sich dieser Zustand nicht befreiend, sondern unsicher oder überfordernd an. Er kostet Zeit und viel Kraft und Energie.
Ein enger Fokus ist genauso wenig per se besser wie es der weiter Fokus ist. Salutogen wird es deshalb nicht durch „immer weit“ oder „immer eng“, sondern durch Beweglichkeit zwischen beiden Zuständen.
Ein System ist dann wahrscheinlicher salutogen (gesund), wenn es:
• den Fokus verengen kann, wenn es nötig ist,
• und ihn wieder weiten kann, wenn es sicher ist.
Viele Konflikte (innerlich wie zwischenmenschlich) lassen sich genau hier verorten. Zwei Menschen befinden sich im selben Moment in unterschiedlichen Betriebsmodi: Der eine im engen Fokus (Sicherung, Kontrolle, schnelle Ordnung), der andere im weiten Fokus (Verstehen, Einordnen, Prozessdenken). Beide sprechen dann nicht über unterschiedliche Inhalte, sondern aus unterschiedlichen inneren Zuständen heraus.
Was der eine als Klarheit erlebt, wirkt auf den anderen wie Härte. Was der eine als Differenzierung meint, fühlt sich für den anderen wie Ausweichen an.
Solche Dynamiken lassen sich nicht durch bessere Argumente lösen, sondern nur durch ein Verständnis dafür, in welchem energetischen Zustand sich die Beteiligten gerade befinden.
Mit der DEECIO-Teamauswertung lassen sich diese unterschiedlichen energetischen Zustände und Aufmerksamkeitsmuster in Teams sichtbar machen. So können wiederkehrende Dynamiken erkannt und unterbrochen werden, statt immer wieder über dieselben Probleme zu sprechen, ohne ihre zugrunde liegende Logik zu verstehen.
Und genau hier wird deutlich, warum Energie so zentral ist:
Ohne ausreichend Ressourcen bleibt der Fokus eng, selbst dann, wenn wir „es eigentlich besser wissen müssten“.
Einen aktiven Frontallappen erkennt man daran...
• Du bist dir deiner Absichten bewusst und kannst dich lange konzentrieren.
• Du denkst über verschiedene Möglichkeiten nach und handelst danach.
• Du triffst Entscheidungen gern und klar.
• Du fühlst dich klar und freudig.
• Du nutzt deine Fähigkeiten.
• Du kannst dich gut anpassen.
• Du lernst aus Fehlern und machst es beim nächsten Mal besser.
• Du planst für die Zukunft und hältst dich an deinen Plan.
• Du bleibst fokussiert.
• Du denkst jeden Tag über deine Optionen nach.
• Du hast ein starkes Gefühl für dich selbst.
• Du setzt dir Ziele und handelst danach.
• Du bist diszipliniert und hast Zugang zu deinen Stärken
• Du entwickelst neue Ideen aus deinen Erfahrungen.
• Du hältst an deinen Idealen fest, auch wenn es schwierig wird.
• Du orientierst dich an deinen Träumen und Zielen, nicht an Anderen
• Du bist achtsam und präsent.
• Du handelst proaktiv, nicht nur reaktiv.
• Du bleibst individuell und authentisch.
Energielecks: Wo Energie unbemerkt abfließt
Vielleicht kennen Sie das Gefühl, wenn plötzlich „nichts mehr geht“. Konzentration bricht weg, Entscheidungen fallen schwer, selbst einfache Aufgaben fühlen sich zäh oder überwältigend an. Häufig wird dann nach Gründen gesucht: zu wenig Disziplin, falsche Prioritäten, mangelnde Motivation. Was wäre, wenn wir Ihnen sagen, dass dies nicht mir ihrer Person, oder gar mit ihrer Persönlichkeit zu tun hat, sondern einfach ein Energieleck ist?
Ein Energieleck ist keine Schwäche und kein persönliches Versagen. Es beschreibt eine dauerhafte Bindung von Energie an mit innerer Spannung verbundenen Themen, die für das eigene System hochbedeutsam und aufgeladen sind. Diese Themen laufen häufig im Hintergrund mit. Sie beanspruchen Energie, noch bevor wir bewusst anfangen zu denken, zu planen oder zu entscheiden.
Das Entscheidende dabei ist:
Diese gebundene Energie steht uns an anderer Stelle nicht mehr zur Verfügung.
Typische Energielecks entstehen dort, wo ungelöste Spannungen aktiv bleiben, zum Beispiel:
• anhaltender sozialer Bewertungsdruck
• innere Schuld- und Pflichtnarrative
• ungelöste Nähe-Distanz-Konflikte
• permanentes inneres Kontrollieren oder Perfektionieren
• Gedankenkreisen und Grübeln
• unterschwellige Alarmbereitschaft
Wie sie vielleicht bemerkt haben, haben wir viele dieser typischen Themen auf der Website versucht zu thematisieren. Für eine detaillierte Beschreibung von Menschlichen Grundkonflikten, schauen Sie bitte hier.
Solche Spannungsfelder müssen nicht laut oder dramatisch sein. Im Gegenteil: Oft sind sie so leise, dass sie kaum auffallen. Genau deshalb sind sie energetisch so wirksam. Das (Nerven)System bleibt dauerhaft „auf Zug“, ohne dass wir es bewusst merken. Stellen Sie sich das wie Hintergrundprogramme an einem Computer vor die laufen. Sie alle benötigen Arbeitsleistung, aber werden aktuell nicht auf dem Desktop angezeigt. Sie werden sich wundern, warum ihr Computer, wenn sie ihm eine Aufgabe geben "so langsam" ist, oder "der Akku plötzlich leer" ist. Eigentlich arbeitet dieser gerade auf Höchstleistung.
Ein Energieleck bindet Energie also vor jeder bewussten Entscheidung. Das passiert, weil unser System mit diesem Spannungszustand konfrontiert ist und Energie bindet. Je größer und bedrohlicher diese Spannung, desto mehr Energie benötigt unser System.
Energielecks wirken damit wie ein unsichtbarer Abfluss: Man merkt nicht sofort, dass Energie fehlt, aber irgendwann reicht sie nicht mehr aus, um flexibel und gesund zu bleiben.
Warum wir bei Energiemangel in Automatismen kippen
Wie wir schon erfahren haben: Wenn Energie knapp wird, greift das System bevorzugt auf Strategien und Muster zurück, die schnell, bekannt und energiesparend sind. Diese Strategien sind nicht zufällig. Sie wurden irgendwann im Leben gelernt, weil sie in früheren Situationen hilfreich oder zumindest ausreichend waren. In diesem Sinne sind Automatismen keine Fehler, sondern bewährte Lösungen unter Ressourcenmangel.
Das Problem ist, dass sie in heutigen, komplexen Lebens- und Beziehungssituationen oft nicht mehr passen. Unter Energiemangel wird die Aufmerksamkeit enger, Bewertungen werden schneller und das Verhalten reaktiver. Anstelle von Wahlmöglichkeiten tritt Gewohnheit. Anstelle von Reflexion tritt Schutz. Anstelle von Beziehung tritt Absicherung.
Typische Sparprogramme sind:
• Angriff (drängen, kontrollieren, laut werden)
• Rückzug (verstummen, vermeiden, abschalten)
• Rechtfertigungsschleifen (erklären, beweisen, überzeugen müssen)
• Überanpassung (schlucken, gefallen, sich verlieren)
• Abwertung/Idealisierung (schnelle Ordnung im Kopf)
• Aktionismus (tun, um nicht zu fühlen)
Viele Menschen kennen den Moment danach: „Warum habe ich das gemacht?“ „Das bin doch eigentlich nicht ich.“ Und doch ist es ein Teil von uns. Es ist der Teil, der unter Energieknappheit die schnellste verfügbare Lösung nutzt.
Hier wird die Verbindung zu den ersten 1000 Tagen besonders deutlich. Welche Automatismen anspringen, ist kein Zufall. Es sind meist jene Muster, die früh gelernt wurden, um Nähe zu sichern, Konflikte zu vermeiden, Anerkennung zu bekommen oder Bedrohung zu reduzieren.
Automatismen sind keine Charakterschwächen. Sie sind Hinweise auf ein System, das unter Druck steht. Solange wir versuchen, diese Muster „wegzumachen“ oder zu kontrollieren, verschärfen wir häufig den inneren Konflikt. Erst wenn wir verstehen, warum das System gerade auf Sparbetrieb schaltet, wird Veränderung überhaupt möglich.
Einen wenig aktiven Frontallappen erkennt man daran...
• Müde und ohne Interesse
• Haben keine eigenen Ideen, fühlen uns uninspiriert
• Wollen Sicherheit, Gleichheit und Routine
• Lernen fällt schwer
• Lassen uns leicht ablenken
• Können keine Pläne für die Zukunft machen
• Handeln oft anders, als wir es wollen
• Brechen Aufgaben ab, bevor sie fertig sind
• Reagieren nur, statt selbst aktiv zu werden
• Denken starr und mögen keine Veränderungen
• Hängen an negativen Gedanken fest
• Hören nicht richtig zu
• Sind unorganisiert und Vergessen vieles
• Handeln impulsiv
• Sind sehr emotional.
• „Kleben“ an Sorgen, Kränkungen, Bedrohungssignalen.
• Sind reizbar oder ziehen uns zurück
• Folgen eher anderen, statt selbst zu führen
Yerkes-Dodson: Warum „mehr Druck“ irgendwann schlechter macht
Es gibt Menschen die glauben, dass Leistung vor allem durch Disziplin, Druck und „sich zusammenreißen“ entsteht. Kurzfristig stimmt das sogar. Doch ab einem bestimmten Punkt kippt diese Annahme. Genau das beschreibt das Yerkes-Dodson-Gesetz.
Es besagt vereinfacht:
Zu wenig Aktivierung führt zu Trägheit, ein moderates Maß an Aktivierung steigert Leistung, zu viel Aktivierung senkt Leistung deutlich.
Am Anfang macht Spannung wach, fokussiert und handlungsfähig. Doch jenseits eines Kipppunktes verengt sich die Aufmerksamkeit, der Zugriff auf Kompetenzen nimmt ab und das System wechselt vom Lern- in den Sicherungsmodus.
Dieser Zusammenhang ist im Alltag ständig zu beobachten, beispielsweise:
• in Prüfungssituationen
• in Konflikten
• bei Auftritten
• im Sport
• in emotional bedeutsamen Gesprächen
Ein wenig Nervosität kann hilfreich sein. Zu viel Druck hingegen blockiert genau jene Fähigkeiten, die eigentlich gebraucht würden: Flexibilität, Kreativität, Transferleistung, Beziehungsgestaltung.
Das erklärt, warum dieselbe Situation bei zwei Menschen völlig unterschiedliche Effekte haben kann und warum ein und derselbe Mensch an unterschiedlichen Tagen unterschiedlich leistungsfähig ist.

Yerkes-Dodson im Alltag: Zwei Wege aus der Balance
Betrachten Sie die Yerkes-Dodson-Kurve noch einmal in Ruhe. Sie beschreibt unterschiedliche innere Betriebsmodi, in denen wir auf Anforderungen reagieren.
Erinnern Sie sich an Situationen, in denen Sie selbst unter Druck standen. Etwa in Prüfungen, wichtigen Gesprächen, Konflikten oder Entscheidungssituationen. Vergleichen Sie die zwei unterschiedlichen Zustände:
Situation A:
Sie befinden sich in einem stark automatisierten, reaktiven Modus.
Der innere Druck ist so hoch, dass das System in Sicherung geht.
Das Frontalhirn ist kaum verfügbar, die Erregung eher niedrig.
Handlungen erfolgen reflexhaft, Denken fühlt sich eingeengt oder blockiert an.
Situation B:
Sie befinden sich in einem stark gesteuerten, kontrollierenden Modus.
Das System versucht, alles kognitiv zu kontrollieren.
Das Frontalhirn ist dauerhaft „auf Sendung“, die Erregung entsprechend hoch.
Denken ist permanent aktiv, aber wenig flexibel und sehr energieaufwendig.
Reflexionsfragen:
Wie hat sich der jeweilige Modus auf Konzentration, Denken und Erinnern ausgewirkt?
Welche Form von Angst, Unsicherheit oder Vermeidung war in diesen Situationen spürbar?
Was hätte Ihnen jeweils helfen können, wieder näher an den mittleren, regulierten Bereich der Kurve zu kommen?
Neurodivergenz: Wenn Begrenzung anders verteilt ist
Für manche Menschen ist das Aufmerksamkeits- und Energieproblem nicht nur situativ, sondern strukturell anders organisiert. In klinischen Kontexten sprechen wir hier häufig von ADHS, Autismus oder ausgeprägter Hochsensibilität. Aus Sicht der ASBG geht es jedoch weniger um Pathologisierung, sondern um unterschiedliche Verteilungen von Aufmerksamkeit, Energie und Filterleistung.
Einige Systeme weiten ihren Fokus sehr stark. Vieles ist gleichzeitig präsent, Reize dringen ungefiltert ein, Priorisierung wird anstrengend. Andere Systeme verengen ihren Fokus sehr schnell. Bei Überreizung kommt es zu Rückzug, Abschalten oder Shutdown. Wieder andere erleben extreme Wechsel: Phasen von Hyperfokus mit hoher Leistungsfähigkeit, gefolgt von deutlicher Erschöpfung.
Allen gemeinsam ist: Die Regulationskosten sind höher. Energie wird schneller verbraucht, Regeneration wird wichtiger und Automatismen werden früher aktiviert.
Deshalb sprechen wir bei der ASBG nicht primär von Störungen, sondern von anderen Funktionslogiken. Salutogen wird es dort, wo Menschen lernen, ihre Bedingungen so zu gestalten, dass ihr System überhaupt regulierbar bleibt: beispielsweise durch Reizmanagement, klare Strukturen, Beziehungssicherheit oder realistische Erwartungen an sich selbst.
Nicht das System ist „falsch“ oder "krank": Oft ist jemand nur in einem Umfeld, das nicht zu ihm passt.
Was praktisch hilft
Die entscheidende Idee ist nicht: „Nie wieder Automatismen.“ Das wäre unrealistisch und würde dem System widersprechen. Der salutogene Ansatz lautet vielmehr: Früher bemerken → besser verstehen → schneller regulieren → passender handeln.
Ein paar zentrale Hebel, als Einladung, nicht als Imperativ:
Energiehaushalt ernst nehmen
Schlaf, Pausen, Reizreduktion und realistische Belastungsgrenzen sind keine „Basics“, sondern Voraussetzung für Steuerungsfähigkeit.
Energielecks identifizieren
Welche Themen binden regelmäßig Aufmerksamkeit und Spannung, noch bevor bewusst entschieden wird?
Frühwarnzeichen erkennen
Woran merken Sie, dass Ihr Fokus gerade enger wird? Körperlich, emotional, gedanklich?
Mikroregulation statt Gewaltakte
Tempo senken, kurz rausgehen, den Körper regulieren, Reize reduzieren – statt sich „zusammenzureißen“.
Beziehung als Ressource nutzen
Kontakt, der Sicherheit vermittelt, entlastet das System. Beziehung ist nicht Luxus, sondern Regulation.
Metakompetenzen trainieren
Impulskontrolle, Perspektivwechsel, Emotionsregulation und Selbststart lassen sich üben, jedoch nur auf Basis ausreichender Energie.
Einen genauen Blick auf ihre individuellen Metakompetenzen ermöglich unser DEECIO-Tool.
Und was hat das mit Beziehungen zu tun?
Beziehungen sind einer der stärksten Einflussfaktoren auf unseren Energie- und Aufmerksamkeitszustand. Andere Menschen können unser System entlasten und uns Energie schenken oder Energie binden.
Manche Begegnungen wirken energetisierend: Wir fühlen uns wacher, klarer, sortierter, lebendiger. Der Fokus weitet sich, das Frontalhirn bleibt länger „online“, Regulation fällt leichter.
Andere Kontakte wirken ermattend: Wir werden müde, gereizt, ziehen uns innerlich zurück oder verlieren den Faden. Aufmerksamkeit bindet sich an Bewertungen, Rechtfertigungen oder innere Alarmzustände. Energie versickert, ohne dass äußerlich viel passiert.
Und es gibt auch neutrale Beziehungen, die weder spürbar Kraft geben noch nehmen.
Entscheidend ist nicht die andere Person an sich, sondern das Zusammenspiel der jeweiligen Systeme: Welche Themen werden aktiviert? Welche Grundbedürfnisse geraten in Kontakt? Wie harmonieren diese? Welche alten Muster springen an? Wenn das Energielevel sinkt, verengen sich auch in Beziehungen Fokus und Spielraum: Wir hören weniger zu. Wir reagieren schneller. Wir verteidigen automatisch Positionen. Wir verlieren die Fähigkeit, zwischen Innen- und Außenperspektive zu wechseln.
Menschliche Aufmerksamkeit ist begrenzt und kann immer nur einen Ausschnitt der Wirklichkeit ausleuchten - wie ein Lichtkegel, der manches sichtbar macht und anderes im Dunkeln lässt. Gleichzeitig ist auch unsere innere Energie begrenzt: Regulation, Reflexion und bewusste Steuerung kosten Ressourcen, und diese Ressourcen stehen nicht jederzeit in gleicher Menge zur Verfügung. Wenn ausreichend Energie da ist, kann sich der Fokus weiten: Wir werden kognitiv flexibler, können Perspektiven wechseln, Ambivalenzen aushalten, Zusammenhänge einordnen und unser Verhalten bewusster steuern. Wird Energie hingegen knapp, verengt sich der Fokus automatisch: das System wird schneller, eindeutiger, aber auch rigider. Dann steigt die Wahrscheinlichkeit, dass wir in Automatismen kippen, weniger Wahlmöglichkeiten sehen und stärker nach bekannten, energiesparenden Mustern handeln.
In diesem Zusammenhang lässt sich auch die Rolle des Frontalhirns verstehen: „Frontalhirn ON“ ist leistungsfähig, aber teuer. Es ist nicht dafür gemacht, dauerhaft auf Anschlag zu laufen. „Frontalhirn OFF“ spart Energie und kann in manchen Situationen sogar funktional sein, wird unter Stress jedoch schnell zum Tunnelblick, in dem Differenzierung, Lernfähigkeit und Beziehungsgestaltung erschwert werden. Besonders kritisch wird es, wenn schon vor der bewussten Entscheidung Ressourcen an Spannungsfelder gebunden sind, etwa durch Grübeln, Alarmbereitschaft, Schuldnarrative oder sozialen Bewertungsdruck. Dann entstehen „Energielecks“: Energie fließt unbemerkt ab, und an der Stelle, an der wir sie für bewusste Steuerung bräuchten, ist sie nicht mehr verfügbar.
Bei neurodivergenten Systemen können diese Aufmerksamkeits- und Energiefragen zudem stärker oder anders verteilt sein, etwa durch schnelleres Überreizen, Hyperfokus-Phasen oder erhöhte Regulationskosten. Salutogen wird es nicht dadurch, dass wir immer „weit“ oder immer „eng“ sind, sondern durch Bedingungen, die Fokuswechsel und Regulation wieder möglich machen: durch ausreichende Ressourcen, weniger Energielecks und ein System, das flexibel zwischen Modi wechseln kann, statt in einem Zustand festzuhängen.