"Wer hat Schuld?"
Diese Frage beschäftigt Menschen immer wieder. Selten wird sie laut ausgesprochen, aber wenn sie auftaucht, bringt sie Sprengkraft in unsere Beziehungen. Denn Schuld fühlt sich an wie ein direktes Urteil. Und die wenigsten lassen sich gerne beurteilen und verurteilen. Schuld brennt sich tief in unser Stimmungs- und Bewertungsinstrument (SBI) ein. Es wird dann auf alle Reize und Signale hoch sensibel ausgerichtet, wo neuerliche Schuldzuweisungen drohen oder bereits existieren.
Viele Konflikte lassen sich auf (unterschwellige) Schuldzuweisungen, unausgesprochene Erwartungen und gelernte Schutzmechanismen zurückführen. Dies passiert oft, ohne dass du es überhaupt bemerkst. "Wir sind zu spät, weil...", "Warum hast du denn nicht einfach ... " "Nur weil du schon wieder..."
Doch warum trifft und beschäftigt uns Menschen diese Frage so tief? Könnte es nicht egal sein, wer die Schuld trägt? Warum fällt es so schwer, Schuld zu erkennen, zu benennen und zu lösen? Warum interessiert uns die Frage nach einem Schuldigen überhaupt? Und wie kannst du lernen, mit Fehlern, Verantwortung und Verletzungen entspannter umzugehen?
Ein erster Schritt ist, Schuld nicht als „Wahrheit“ zu behandeln, sondern als Dynamik: als eine Bewertung, die im SBI entsteht, über Kommunikation sichtbar und erlebt wird und in der Dynamik von Beziehungen eine bestimmte Ordnung herstellt. Schuld hilft die oftmals komplexe Welt einfacher zu erleben, so dass man mehr Kontrolle und Einfluss spürt. Wenn man weiß, was „richtig“ und „falsch“, „gut“ und „böse“ oder „Täter“ und „Opfer“ ist, wird alles einfacher in uns. Damit steigt jedoch gleichermaßen das Risiko ungerechtfertigte Urteile, Bewertungen und Handlungen vorzunehmen. Differenzierungen, die zu anderen Betrachtungen und Perspektiven führen können, kommen nicht mehr in das Blickfeld.
reflexion
Erinnere dich an eine Situation, in der jemand (offen oder subtil) Schuld in den Raum gestellt hat.
• Was passiert in deinem Körper, bzw. wie fühlt sich das an? Wo spürst du das im Körper?
• Wie reagierst du darauf? Gehst du innerlich eher in Rechtfertigung, Rückzug, Angriff oder Erstarren?
• Welche Sätze tauchen automatisch auf? („Ich muss das erklären.“ / „Das ist unfair.“ / „Jetzt reicht’s.“ / „Ich bin falsch.“)
• Wenn dein Gegenüber dich in diesem Moment beobachtet, wie bewertet es deine Reaktion?


